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Nur Fliegen ist schöner

Beim 35. America’s Cup vor Bermuda trifft der uralte Menschheitstraum, die Weltmeere zu beherrschen, auf die Sehnsucht, schwerelos durch Raum und Zeit zu gleiten. Ein Trainingsbesuch beim Titelverteidiger

Text: Tim Jürgens

Irgendetwas stimmt nicht. Die Gäste an Deck der „Zara“, die es sich mit einem Drink gemütlich gemacht haben, beschleicht ein komisches Gefühl. Eine lautlose, tonnenschwere Bewegung, gefolgt von einem Zischeln, versetzt die Ausflugsgesellschaft im „Great Sound“, der kreisrunden Bucht vor der Südspitze der Bermuda-Inseln, in sanfte Unruhe. Doch ehe an Bord der Luxusyacht alle verstanden haben, was da 25 Meter entfernt in ihrem Rücken vor sich geht, ist das US-Boot des Teams Oracle schon vorbeigerauscht. Schwerelos wie ein Raumschiff, dessen Gleiten nur hin und wieder vom Flappen der Foils unterbrochen wird, die auf der Wasseroberfläche aufsetzen. Angetrieben von Schubkräften, die nur eine Naturgewalt wie der Wind entfacht.
Das T-förmige Ruder erzeugt beim Eintauchen ein gurgelndes Geräusch. Die Gäste der „Zara“ haben sich an diesem sonnigen Vormittag aufs Wasser begeben, um der Trainingseinheit des amtierenden America’s-Cup-Siegers beizuwohnen. Aus der Entfernung hören sie die gebellten Kommandos des Skippers Jimmy Spithill. Sehen, wie sich die sechsköpfige Crew so gleichmäßig von der einen zur anderen Seite des Bootes bewegt, als seien die Segler mit ihren Sturzhelmen durch unsichtbare Bindfäden verbunden. Wie bei einem Tanz tauchen sie aus den windgeschützten Löchern auf der einen Seite des Katamarans auf und auf der anderen ein. Kurbeln mit traumwandlerischer Gleichmäßigkeit an den Winschen. Früher sorgten die muskelbepackten Männer auf Segelbooten dafür, die Taue der Segel festzuzurren. Heute dient ihr synchrones Kurbeln allein der Energiegewinnung. Weil an Bord der Rennboote keine künstliche Kraftquelle erlaubt ist, müssen die Athleten – die Grinder – konstant zwischen 300 und 500 Watt erkurbeln, um einen Hydraulikdruck zu erzeugen, der es Steuermann Spithill erlaubt, die Foils – die geschwungenen Schwerter – auf Knopfdruck in rasanter Folge aus- und wieder einzufahren, um das Boot möglichst lang über dem Wasser schweben zu lassen. Zeitweise bis zu zwei Metern über der Oberfläche. Denn ein Katamaran, der nicht fliegt, hat bei diesem Rennen keine Chance.

Ihr wollt wissen, wie es weitergeht? Die komplette Reportage zum 35. America’s Cup vor Bermuda  – ab sofort in der neuen Ausgabe von NoSports.