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Der alte Mann & das Gewehr

13 Olympia- und 45 WM-Medaillen – der Biathlet Ole Einar Bjørndalen ist der erfolgreichste Wintersportler aller Zeiten. Er wäre auch der glücklichste, wenn er ewig weiterlaufen könnte. Nun hat Bjørndalen seine epische Laufbahn beendet

Text: Andreas Bock

Eine Stunde nach dem großen Triumph sitzt Ole Einar Bjørndalen in der Laura-Arena in Sotschi und blickt in die erwartungsvollen Gesichter der Journalisten. Gerade hat der norwegische Biathlet Gold im Sprint gewonnen, es ist die zwölfte olympische Medaille seiner Karriere. Früher dachte er oft an diesen Tag, jahrelang arbeitete er auf ihn hin, und jetzt ist es so weit: Ole Einar Bjørndalen hat mit seinem Landsmann Bjørn Dæhlie gleichgezogen; ein paar Tage später gewinnt er mit der Mixed-Staffel sogar seine achte olympische Goldmedaille, die ihn zum alleinigen besten Wintersportler aller Zeiten macht. Die Journalisten sitzen also vor ihm und hoffen auf eine Regung, einen Jubelschrei, ein Gewinnerlächeln, irgendetwas. Aber er sagt nur: „Meine Ski waren sehr gut heute. Ich habe ihnen vertraut.“
Das war am 8. Februar 2014, und so schablonenhaft Bjørndalen in diesem Moment sprach, so gut hätten sich diese zwei Sätze als Schlusswort einer bombastischen Karriere geeignet. Sie waren wie er: uneitel, pragmatisch, vernünftig. Aber Bjørndalen, damals schon 40 Jahre alt, dachte noch immer nicht ans Aufhören. Er dachte an das Training, an das Spinning-Rad, an die Verfolgung am übernächsten Tag. Er dachte an Weltcups, Weltmeisterschaften, Medaillen. Und so geht es im Grunde bis heute.

Ole Einar Bjørndalens größter Gegner war immer die Zeit. Früher hat er sie meistens geschlagen. Er hat Zehntel und Hundertstel aufgeholt, in Sotschi gewann er mit einem Vorsprung von 1,3 Sekunden vor dem Österreicher Dominik Landertinger. Er trat schon bei Weltcups und Olympischen Spielen an, als viele seiner heutigen Konkurrenten nicht mal geboren waren, Helmut Kohl regierte und Alberto Tomba den Riesenslalom dominierte. Er begann in einer Zeit, als Biathlon im Schatten der alpinen Sportarten Skisprung und Langlauf kaum jemanden interessierte und selten mehr als zwei Journalisten zu den Wettbewerben erschienen. Bjørndalens erster Sponsor war ein lokales Möbelhaus, das ihm umgerechnet 1200 Euro zahlte – pro Saison. „Das war toll“, sagte er mal.
Der Biathlonsport wuchs mit Bjørndalen, und Bjørndalen wuchs über sich hinaus. Er trainierte wie besessen. Er schaute sich beim österreichischen Schnellschützen Simon Eder die Schusstechnik ab und brachte seinen Ausrüster dazu, einen speziellen Gewehrkolben zu entwickeln. Er arbeitete so begierig, beinahe manisch, als wollte er eines Tages so schnell sein, dass die Zeit vor ihm kapitulieren würde.
Aber keine Chance, die Jahre vergingen, und vor einigen Wochen ist Bjørndalen, man mag es kaum glauben, 44 geworden. Ein biblisches Alter für einen professionellen Ausdauersportler. Um die Augen zeichnen sich ein paar Falten ab, im Haar erkennt man graue Strähnen, aber er sieht nicht aus wie einer, den man „Kannibale“ nennt. Eher wie einer, dessen zweiter Vorname im Isländischen „Allein“ bedeutet. Manchmal auch wie der junge Walter Matthau, schelmisch und weich und ein wenig schüchtern, wenn er lächelt.
Diesen Winter wollte er sich für Olympia im südkoreanischen PyeongChang qualifizieren und dort seine Karriere beenden. Für die Teilnahme musste er, so sind die Kriterien des norwegischen Verbands, einmal mindestens Sechster oder zweimal mindestens Zwölfter im Weltcup werden. Er scheiterte kläglich. Seine besten Ergebnisse erzielte er zum Saisonauftakt in Östersund: zweimal Platz 18. Danach gelang nicht mehr viel. Im Januar 2018 vergab er die letzte Chance im bayrischen Ruhpolding, der 20-Kilometer-Klassiker, sein 575. Weltcup, die alte Routine, Laufen, Zielen, Abdrücken, Laufen, Zielen, Abdrücken, aber Bjørndalen kam erst als 42. über die Ziellinie, 4:43,6 Minuten hinter dem Sieger Martin Fourcade aus Frankreich.
Die Zuschauer unterstützten ihn während des Rennens, natürlich. Der Applaus war, in den guten Momenten, eine Huldigung seiner Karriere. Manchmal aber klang er nur aufmunternd, als feuerten sie einen Mann an, der im hohen Alter noch mal etwas Außergewöhnliches schaffen möchte. Bei einem Marathon ins Ziel kommen. Einen Berg besteigen. Oder an einem Biathlon-Rennen teilnehmen.
Beim Schießen kann Bjørndalen mit 86 Prozent Trefferquote immer noch mithalten. Auf Ski ist er aber nur Durchschnitt. Wäre es würdevoller gewesen, wenn er vor vier Jahren in Sotschi seine Karriere beendet hätte? Vielleicht. Aber eigentlich darf man diese Frage Bjørndalen nicht stellen. Diesem Getriebenen und Rastlosen, bei dem man Sorge hat, er würde wie Schnee in der Sonne schmelzen, wenn er nicht mehr auf Skiern im Kreis liefe. Die Frage muss eher lauten: Kann Bjørndalen überhaupt eines Tages aufhören?

Sie nannten ihn „Außerirdischer“ oder „Phänomen“. Der König von Norwegen, Harald V., verneigte sich vor ihm und sagte: „Er ist ein ganz besonderer Kerl.“ Die Zeitungen gaben ihm den Titel „König Ole“. Am besten gefiel Bjørndalen der Spitzname „Kannibale“, er verstand ihn als Kompliment, denn die Menschen hatten offenbar kapiert, dass sein Hunger nach Erfolgen schon immer groß war. 2005 beschrieb er sich in einem Interview mit der Zeitung „Neues Deutschland“ so: „Ich bin Ole Einar Bjørndalen, und ich will der größte Biathlet aller Zeiten werden. Das wäre mir wichtig.“ Dafür führte er ein Leben, das einer meditativen Übung glich. Er suchte die Perfektion. Die Antwort auf die Frage, wie er den Zufall ausschalten und seinen Körper unangreifbar machen könnte. Aus Angst vor Keimen und Viren mied er, wann immer es möglich war, das Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Zu Rennen nahm er früher einen Staubsauger mit, um den Teppichboden der Hotelzimmer zu säubern („In einigen Hotelböden lebt ein ganzer Zoo“), heute legt er die Räume mit Plastikfolien aus („Mit der Hilfe meines Teams dauert das nicht länger als eine Stunde“). Die meisten Interviews fanden im Freien statt. Händeschütteln war okay, denn Bjørndalen hatte stets Desinfektionsspray dabei. Um sich an die Höhenmeter zu gewöhnen, soll er einmal in einem ausgebuchten Hotel auf dem Flur geschlafen haben, weil er sonst in einer Unterkunft 200 Meter tiefer hätte übernachten müssen. Sein Gewehr legte er neben sich ins Bett. „Manchmal streichele ich es sogar“, sagte er. „Ganz schön bekloppt, oder?“
Er kaufte sich zwei Campingwagen, einen für die Heimat Norwegen, einen für seinen Alpenwohnsitz Obertilliach, damit er nach den Wettkämpfen schneller regenerieren konnte. 2001 engagierte er als erster Biathlet überhaupt einen Mentaltrainer. Die Konkurrenten schmunzelten ein wenig, denn der Mann war vorher Staubsaugervertreter. Als Bjørndalen ein Jahr später bei Olympia in Salt Lake City viermal Gold gewann, schmunzelte niemand mehr. Bjørndalen aber spürte keine Genugtuung, er nahm die Medaillen und schloss sie zu den anderen in seinen Tresor. „Wer sich zu sehr mit seinen Erfolgen beschäftigt, wird bequem“, sagte er.
Man kann sich Bjørndalen als Pedanten vorstellen, kauzig und anstrengend. Als einen, der vor einem Wettkampf die Loipen mit einer Nagelschere auf die richtige Höhe bringt. In seiner Karriere wurde er, der ewig Vernünftige, oft gefragt, ob er nie etwas vermisst hätte. Die Jugend. Die Rebellion. Den Exzess. Bjørndalen reagierte auf solche Fragen mit buddhistischer Gelassenheit. Vielleicht dachte er daran, die Frage umzudrehen: Hatten Sie nie das Gefühl, etwas verpasst zu haben? Den Morgen, an dem Sie irgendwo in der Einsamkeit Norwegens die Ski in den unberührten Schnee drückten? Den Moment, seinen inneren Schweinehund zu überwinden? Das Gefühl, nach Hunderten Tagen Training ganz oben auf dem Treppchen zu stehen? Aber er tat es nicht. Er erzählte bedächtig Anekdoten aus seiner Kindheit. Etwa die, dass er eigentlich Turner werden wollte. Er hatte durchaus Talent, als Kind zog er sich mal in einer norwegischen TV-Show bis auf die Unterhose aus und wieder an – während er auf einem Seil balancierte. Weil aber die Turnhalle über 40 Minuten von seinem Wohnort entfernt lag, entschied er sich für Biathlon. In seiner Heimat Simostranda, einem 300-Einwohner-Dorf zwischen Oslo und Buskerud, hatten seine Eltern einen Hof mit zehn Kühen, sonst Schnee, sonst Wälder, sonst Stille. Mit seinen Brüdern Hans Anton und Dag gründete er das Team Bjørndalen. Einmal sei er damals betrunken gewesen. Das Gefühl, ein wenig die Kontrolle über Geist und Körper zu verlieren, gefiel ihm sogar. Am nächsten Tag aber verließen ihn im Training die Kräfte, und er merkte, dass er Prioritäten setzen musste. Er trank nie wieder einen Schluck Alkohol. Kaffee und Limonaden entsagte er auch. Dafür nimmt er jeden Tag vier Liter Wasser zu sich, und weil er Sorge hat, dass ihm jemand verbotene Substanzen hineinschüttet, trinkt er nur aus versiegelten Weißblechdosen.
Für dieses Spleenige lieben ihn die Norweger. Denn er ist keiner, der nur über Talent verfügte. Er war ein Arbeiter. Ein Sinnbild der vielen Motivationskalendersprüche: „Es ist nicht der Berg, den wir bezwingen, sondern uns selbst.“ Und wenn Bjørndalen wieder mal Schablonensätze wie „Ein Tag ohne Training oder Wettkampf ist ein verlorener Tag“ sagte, stellte man sich vor, wie er an diesen seltenen Tagen in seinem Campingwagen saß und mit sich selbst hart ins Gericht ging.

„Jetzt ziehe ich mich um. Und dann wird die Zukunft so, wie die Zukunft wird“, sagte Bjørndalen nach dem 42. Platz in Ruhpolding. Wieder so ein Schablonensatz. Einerseits. Andererseits fassten diese Worte die Gefühlswelt eines Sportlers zusammen, der 25 Jahre kaum etwas anderes gemacht hat als zu laufen, zu zielen und zu schießen. Sie drückten die Angst vor dem Wort „Karriereende“ aus. Die Furcht vor dem Verschwinden, dem Nichts, dem Loch.
Bislang gab es, zumindest aus Sicht von Bjørndalen, nie den richtigen Zeitpunkt für einen Abschied von der großen Bühne. Meistens kamen neue Erfolge dazwischen. Schon 2008 fragten die Journalisten, wie lange er weitermachen möchte. „Nach Vancouver werde ich mal schauen“, sagte Bjørndalen da. In Vancouver 2010 holte er zwei Medaillen, und die Menschen fragten wieder: Wie lange noch? Eine Bandscheibenverletzung im April 2012 zwang ihn zu einer Pause, dann die Scheidung von seiner Frau, der italienischen Biathletin Nathalie Santer. Aber es ging weiter, immer weiter. 2014 dann Sotschi. Der Moment, als Dæhlie sagte: „Bjørndalen hat meine Rekorde nur so zerbröselt.“ 2016 die WM-Medaillen 41 bis 44 in seiner Heimat Norwegen, Gold mit der Staffel und Silber im Sprint. „Ich fühle mich wie ein 20-Jähriger“, sagte er, und niemand traute sich mehr darüber zu sinnieren, wie ein würdevolles Karriereende aussehen könnte. Selbst die Konkurrenz, Martin Fourcade, Emil Hegle Svendsen oder Johannes Thingnes Bø, erkannte neidlos an, dass nicht sie Bjørndalens Nachfolge angetreten hatte, sondern Bjørndalen längst sein eigener Nachfolger geworden war.
Trotzdem: Was passiert mit einem Mann, der über 20 Jahre lang das Sy­nonym einer Sportart war, nach seinem letzten Rennen? Der 13 Mal bei Olympia erfolgreich war, 45 Mal bei einer WM. Der seit 1992 135 Weltcupsiege gefeiert hat? Der dem Alter zumindest eine Zeit lang ein Schnippchen schlagen konnte? Forever young. Für immer in den Loipen, die die Welt bedeuten. „Für ein normales Leben bin ich nicht gemacht“, sagte Bjørndalen mal. „Ich stelle mir die Zeit nach der Karriere stinklangweilig vor.“ Früher ist er in seiner knapp bemessenen Freizeit auf die Jagd gegangen, er hat auf Schneehühner geschossen. Aber seine Frau war gegen die Jagd, also ließ er es bleiben. Er mag auch Surfen und schnelle Autos. Er träumt von einer Reise auf den Himalaya.
Nach dem 42. Platz in Ruhpolding hoffte Bjørndalen noch auf eine Nominierung des norwegischen Verbands, auf einen Legenden-Bonus. Aber die Offiziellen blieben hart, Bjørndalen darf nicht mit nach Südkorea. Also verkündete er, dass er an der Biathlon-EM in Südtirol teilnehmen werde. Sie fand Ende Januar statt, eine Woche nach Redaktionsschluss. Vielleicht hat Bjørndalen mittlerweile erneut verkündet, dass er weitermacht. Im März dieses Jahres findet in seiner Heimat, am Holmenkollen in Oslo, ein Weltcuprennen statt, nächstes Jahr die WM in Östersund, Schweden. Macht er weiter? Es wäre das Unvernünftigste, was Bjørndalen je getan hat. Aber ganz sicher würde es ihn sehr glücklich machen.

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