NOS_7_Webseite_Bilder12

Der Alchimist

Mike Tyson war ein übergewichtiger Straßendieb, als ihn Boxtrainer Cus D’Amato 1980 unter seine Fittiche nahm. Der weise New Yorker machte ihn zum jüngsten Schwergewichtsweltmeister aller Zeiten 

in geborener Glückspilz war Cus D’Amato sicher nicht. Im Gegenteil: Sein Leben war lange Zeit ein großer Haufen Scheiße gewesen. Seine Mutter starb, als er fünf Jahre alt war. Der Vater züchtigte ihn so heftig mit dem Gürtel, dass er durch einen unglücklichen Treffer auf einem Auge erblindete. (D’Amato selbst bevorzugte die Version, er habe sich die Verletzung bei einer Straßenschlacht zugezogen.) Sein Bruder Gerry wurde in einem Akt von Willkür durch einen Polizisten erschossen. Als Spross italienischstämmiger Einwanderer war er ständigen Diskriminierungen ausgesetzt. Die Familie lebte in der Bronx, dem Revier des Mafiabosses Dutch Schultz, wo Gewalt und Kriminalität an der Tagesordnung waren. Kein Wunder, dass Cus D’Amato zeitlebens ein misstrauischer Mensch blieb. Auf seinem Anwesen in Catskill im Bundesstaat New York hortete er Gewehre. Wenn ihn jemand fragte, wozu er all die Waffen habe, antwortete er: „Lieber ein kleines bisschen paranoid als ein kleines bisschen tot.“ Schnelle Bewegungen in seiner Nähe konterte er noch jenseits der siebzig, indem er blitzartig die Deckung hob und seinem Gegenüber, selbst wenn es nur eine unbeholfene Bewegung war, eine Ohrfeige versetzte.

Zeitlebens trug er eine ganze Reihe von Traumata mit sich herum. Doch sein ständiger Clinch mit den eigenen Dämonen hatte auch eine gute Seite: Constantine D’Amato besaß wie wohl kein zweiter Box-Coach des 20. Jahrhunderts ein sensibles Gespür für Champions. Er hatte selbst leidvoll erfahren: Je mehr ein Mensch durchgemacht hat, desto mehr Durchhaltewillen besitzt er. Und er wusste, wie sich Hass und kriminelle Energie im Ring in positive Energie umwandeln lassen.
Er trainierte Rocky Marciano, ehe die Mafia ihm den Jahrhundertfighter abspenstig machte. Beinharte Typen wie der Schwergewichtler Floyd Patterson und Mittelgewichtler José Torres hingen an seinen Lippen, wenn er über Affirmation dozierte. D’Amato machte sie vertraut mit seinem „Peek-a-boo“-Stil, bei dem der Boxer die Unterarme vors Gesicht hält, um sich vor Angriffen zu schützen, gleichzeitig aber in der Lage ist, mit der Führhandfaust blitzschnell einen Jab zu schlagen. Die Innovation des New Yorker Trainers galt in der Szene zunächst als Angsthasen-Stil, doch nachdem Floyd Patterson im „Peek-a-boo“ den WM-Titel gewonnen hatte, spottete niemand mehr.
Muhammad Ali rief vor Kämpfen an, um seinen Rat zu erfragen. D’Amato erklärte ihm, dass erst ein großer Boxer aus ihm würde, wenn in der Lage sei, bewusst Schläge einzustecken. D’Amato konnte alles sein: ein ungehobelter Kauz, ein Märchenonkel, ein treu sorgender Vater, ein Zauberer oder eine Motivationsmaschine, die Athleten vor Kämpfen derart in Fahrt brachte, dass sie auf dem Weg in den Ring nur noch eins dachten: „Komm, du Wichser. Ich schlag dir jetzt deine verdammte Fresse ein.“

So schreibt es Mike Tyson in seinem Buch „Eiserner Wille“ (Hannibal Verlag), in dem er sich an seine Zeit beim Box-Impresario erinnert. Tyson kam Anfang 1980 in D’Amatos Gym oberhalb des Polizeireviers in der Kleinstadt Catskill. Der Coach war bereits über 70, aber nach wie vor auf der Suche nach dem neuen Champ. Tyson kam als schwer erziehbarer 13-Jähriger aus Brooklyn zu ihm. Bereits 38-mal war er von der Polizei festgenommen worden. Ein leicht entflammbares Riesenbaby mit kleptomanischer Ader, 1,70 Meter groß, aber 89 Kilo schwer. Nach drei Runden Sparring wusste D’Amato Bescheid: „Abgesehen von den äußeren Umständen ist das der kommende Schwergewichtschampion der Welt“, so sein Urteil, „wenn nicht sogar des Universums.“
Von diesem Moment an vereinte ein unsichtbares Band den ergrauten Coach und den jugendlichen Schützling. Tysons Mutter fiel es anfangs schwer zu akzeptieren, dass ihr Sohn in die viktorianische Villa mit den 14 Zimmern zog, wo der weiße Coach mit seiner ukrainischen Lebensgefährtin Camille Ewald hauste. Auch andere Nachwuchsboxer lebten in Catskill, die Tyson, einer alten Gewohnheit folgend, anfangs beklaute. Erst als D’Amato ihn deswegen rauszuschmeißen drohte, riss er sich zusammen.
Der Coach wusste genau, wie er den verwirrten Jungen bei der Stange hielt. Nachts, wenn Tyson eingeschlafen war, trat er an sein Bett und flüsterte ihm Lebensweisheiten ins Ohr, damit sie ins Unterbewusstsein sickerten: „Ich gebe niemals auf!“, „Jeden Tage werde ich in allem immer besser“, „Die anderen haben mehr Angst vor mir als ich vor ihnen“.

D’Amato überschüttete den Boxer mit Komplimenten. Als er Tyson sagte, was für schöne Hände er habe, glaubte der junge Fighter zunächst, der Coach wolle ihm an die Wäsche. Solche Sprüche kannte Tyson bis dato nur von Freiern auf dem Schwulenstrich in Brownsville. D’Amato beherrschte das Spiel mit den Extremen. Als Tyson bereits auf dem Sprung zum Profi war und Journalisten nach Catskill kamen, befahl ihm der Coach in deren Beisein: „Mike, nimm den Besen und den Wischlappen und mach die Halle sauber.“ Tyson ist überzeugt: „Cus hat mir eine Gehirnwäsche verpasst. Damit ich meine Ziele erreichte, musste ich mich besser und größer sehen, als ich war. Alles, was er sagte, war Gesetz für mich.“
Und doch befolgte er nicht jede Regel, die der Coach ihm auferlegte. Als Tysons Mutter an Krebs starb, verfiel der Boxer vorübergehend in alte Muster. Zurück in Brownsville, startete er mit alten Kompagnons zu einem mehrtägigen Beutezug durch die Nachbarschaft, dampfte einen Joint nach dem anderen und kippte sich ordentlich einen hinter die Binde. Eine selbsterfüllende Prophezeiung. Tyson war aus der Hölle gekommen, das Haus des Trainers war der Himmel für ihn, doch der Teufel steckte noch immer in ihm.

Sein Ziehvater war erfahren genug, um zu erkennen, dass so ein Junge ständig in der Gefahr schwebte, dass düstere Mächte von ihm Besitz ergriffen: „Dein Verstand ist nicht dein Freund, Mike“, sagte er. „Du musst mit deinem Kopf kämpfen, du musst ihn zurechtrücken.“ Rigide wachte der Coach über jeden außerhäuslichen Kontakt. Er versuchte Verbindungen zu Mädchen, die Interesse an Tyson anmeldeten, zu unterbinden. Manchmal benahm er sich wie eine eifersüchtige Ehefrau, die es nicht mal erträgt, dass ihr Mann mit anderen spricht. Es gibt zwei Erklärungen für dieses Verhalten: 1. D’Amato fürchtete, dass ihm sein Box-Juwel von anderen abspenstig gemacht werden könnte, so wie Floyd Patterson, der sich einst von seinem großen Förderer getrennt hatte. 2. Der Coach ahnte, welche Energie der Kontakt zu Frauen in Tyson freisetzen würde. „Man weiß nicht, wo der Sex ihn hinführt“, erklärte D’Amato in einem Interview. „Er hätte großes Potenzial, doch Sex kann einen jungen Mann an Orte bringen, die er nicht für möglich hält.“ Mike Tyson hat dem nie widersprochen. Jahre später kam er zu dem Urteil: „Zu einem triebgesteuerten Tier wurde ich erst, als Cus tot war.“

Allein mit Autosuggestion kam er bei dem schweren Jungen natürlich nicht weiter. Wenn er Tyson in einen Kampf schickte, offenbarte der Feingeist, der eben noch fleißig Nietzsche zitiert hatte, seine niederen Instinkte. D’Amato befahl Tyson regelrecht, Gegner zu zerstören. „Schlag ihm hinters Ohr“, keifte der Glatzkopf rumpelstilzchenartig. „Bring sein Trommelfell zum Platzen oder verpass ihm ein Blumenkohlohr, dann ist der Kampf automatisch beendet.“ Er quatschte sich in einen Blutrausch. Sprach von brechenden Rippen, platzender Leber und vom Nasenbein des Gegners, das in dessen Gehirn landen solle. „Cus gab mir das Gefühl“, fasst Tyson zusammen, „dass es edel war, Leute zu verletzen.“ Die Folgen derartiger Motivationsreden sollten später dafür sorgen, dass die ganze Welt vor „Iron Mike“ zitterte. Den stieren Blick, mit dem er vor WM-Fights seine Gegner musterte und schon vor dem ersten Gong ihre Moral brach, lernte er bei Cus D’Amato.

Echte Zuneigung jedoch hat der New Yorker seinem Schützling nie zuteilwerden lassen. Der Coach war überzeugt, dass Boxer Zuneigung am Ende stets als Schwäche auslegen würden. Als D’Amato am 4. November 1985 an einer Lungenentzündung starb, war Mike Tyson gerade Profi geworden und hatte seine ersten 15 Kämpfe allesamt gewonnen. Fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Tod des Trainers wurde dessen Prophezeiung Realität: Tyson wurde im Alter von 20 Jahren und 144 Tagen nach dem K.-o.-Sieg über Trevor Berbick der jüngste Schwergewichtsweltmeister aller Zeiten. Er löste Floyd Patterson ab, dem unter D’Amato ebendieses Kunststück 1956 gelungen war. Ohne die ordnende Hand des Alten jedoch verlor Tyson den inneren Kompass. Nach einigen spektakulären K.-o.-Siegen fiel er dem Größenwahn anheim und hatte mit 24 Jahren seine beste Zeit bereits hinter sich. Cus D’Amato hatte ihm beigebracht, dass ein Mensch gedient haben muss, um regieren zu können. Als der Trainer gestorben war, vergaß Tyson dieses Gesetz schon bald.

Mehr über Boxtrainer-Legende Cus D’Amato – in Ausgabe#7 von NoSports!