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Die Klasse von 2018

Das deutsche Eishockey-Team präsentiert sich bei Olympia 2018 als verschworene Einheit und scheitert nur hauchdünn an Gold. Über die Architektur einer Mannschaft, die noch viel erreichen kann

Text: Tim Jürgens

Im Leben sieht man sich immer zweimal, im Sportlerleben viel öfter. „I geh net“, blafft Franz Reindl den IOC-Beauftragten an, der ihn auf der Ehrentribüne im Gangneung Hockey Centre erneut am Arm zuckelt. Zehn Minuten sind im olympischen Eishockey-Finale noch zu spielen. Und würde es Reindl, dem Präsidenten des Deutschen Eishockey Bundes (DEB), nicht ohnehin unwirklich erscheinen, dass so ein Match unter Mitwirkung einer DEB-Auswahl stattfindet, würde ihn zumindest das Resultat wundern, das da oben auf der Anzeigetafel steht: 1:1. Unentschieden im Endspiel der Olympischen Winterspiele 2018 zwischen dem Starensemble der Olympischen Athleten aus Russland und, tja, der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft.
Doch Reindl träumt nicht. Im Gegenteil. Auf dem Eis sind die Deutschen gerade im Begriff, die Kufengiganten aus Russland niederzuringen. Und ausgerechnet in diesem Moment, dem größten in der deutschen Eishockey-Historie, soll Reindl nun schnöden Funktionärspflichten nachkommen. „I geh net“, bockt er, als der IOC-Mitarbeiter ihn noch einmal auffordert, ihm jetzt bitte in die Katakomben zu folgen, um dort gemeinsam mit seinem russischen Kollegen Wladislaw Tretjak in die Formalien der Siegerehrung eingewiesen zu werden, die die beiden Verbandspräsidenten der Finalgegner nach Spielende vornehmen sollen.

Tretjak und Reindl sind sich das erste Mal vor 42 Jahren begegnet. Bei Olympia 1976 in Innsbruck. Der Russe war der große Rückhalt der „Red Army“, eines sowjetischen Teams, das die Konkurrenz nach Belieben dominierte. Schon damals eine Legende, der „Mann mit den tausend Händen“. Reindl hingegen war damals ein Greenhorn, das von seiner Berufung in den Kader so überrumpelt worden war, dass er im Bewusstsein nach Innsbruck reiste, Olympia als Tourist zu erleben. Am Ende jedoch kehrte er mit der Bronzemedaille nach Hause zurück, ohne mit den 21 Jahren schon zu ahnen, dass er Teil des größten Erfolgs gewesen sein sollte, den ein deutsches Team auf mehr als vier Jahrzehnte hin erzielen sollte. Damals war Reindl so unsicher, ob die Medaille ihm auch wirklich zustand – ein kompliziert zu errechnender Torquotient gab den Ausschlag –, dass er das Edelmetall noch vor der Siegesfeier mit dem Auto über die Grenze ins unweit gelegene Garmisch brachte.

Doch an diesem 25. Februar 2018 gibt es für derlei Zweifel keinen Anlass. (…)

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