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Einer für alle, alle für einen!

Ein verschworener Haufen deutscher Eishockeyspieler holt bei Olympia 1976 Bronze. Ein Erfolg, der seitdem nie mehr wiederholt wurde. Warum eigentlich nicht?

Text: Tim Jürgens

Als die Siegerehrung vorüber ist, will Franz Reindl einfach nur weg. Dem 21-jährigen Stürmer des SC Riessersee wird es in diesem Moment alles zu viel. Soeben haben ihm die sowjetischen Goldmedaillengewinner Boris Michailow, Wiktor Schalimow und Wladimir Petrow, diese Giganten des Eishockeysports, anerkennend auf die Schulter geklopft. Freundlich lächelnd sind die Tschechoslowaken, die sich mit Silber begnügen müssen, auf ihren Schlittschuhen an ihm vorbeigeglitten. Männern wie ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, ist für Reindl und die anderen im deutschen Team, das weitgehend aus Halbamateuren besteht, eine seltene Ehre.

Wie ein Fan nimmt Reindl die Respektsbekundungen der Idole entgegen, senkt den Blick und schaut auf das gewichtige Ding, das da um seinen Hals baumelt: Bronze. Kann das wirklich wahr sein? Er stupst Ignaz Berndaner an, seinen Teamkollegen aus Riessersee, der sich offenbar gerade dieselbe Frage stellt. Vor der Teamfeier am Abend bleiben ihnen noch zwei, drei Stunden freie Zeit. Bis in ihren Heimatort Garmisch, ist es von Innsbruck nur eine Stunde Autofahrt. Sie beschließen vor der Party noch schnell nach Hause zu fahren. Das Ziel: die Medaille in Sicherheit bringen.

„Ich fürchtete ernsthaft, dass noch jemand auf die Idee kommen würde, uns das Ding wieder abzunehmen“, erinnert sich Reindl und ihm scheint die Aktion rückblickend ein bisschen peinlich zu sein. Niemand verkörpert das deutsche Eishockey in seinen vielen Facetten mehr als er. Nach seiner aktiven Laufbahn wechselte Reindl ins Management, er war zeitweise Bundestrainer, Generalsekretär und seit 2014 ist er Präsident des Deutschen Eishockeybundes (DEB). Gut möglich, dass er in absehbarer Zeit in die Hall of Fame des Weltverbandes aufgenommen wird – nicht als „Player“, sondern als „Builder“. Als er am Abend dieses 14. Februar 1976 am Haus seiner Eltern in Garmisch ankommt, bei denen er damals noch wohnt, rennt er schnurstracks die Treppe hinauf, legt das Edelmetall in die Schublade seines Nachttischs – und braust zurück nach Innsbruck.

Die Geschichte illustriert recht anschaulich, wie surreal den Akteuren ihr Bronze-Erfolg bereits unmittelbar nach dem Turniers erschien. Aber auch mit dem Abstand von 42 Jahren lässt sich festhalten, dass sich die Voraussetzungen kaum verändert haben. Ein Medaillengewinn des deutschen Teams bei Olympia 2018 wäre mindestens so eine Sensation wie der Erfolg 1976, der als „Wunder von Innsbruck“ in die Geschichtsbücher einging. (…)

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