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„Es wird auch wieder Rückschläge geben“

In NoSports#10 zeichnen wir den historischen Silbermedaillenerfolg der deutschen Eishockey-Equipe bei Olympia 2018 nach. Nun steht die WM in Dänemark vor der Tür. NoSports sprach dazu mit Bundestrainer Marco Sturm exklusiv über die Chancen, inwieweit sich das deutsche Eishockey-Wunder dort fortsetzen könnte

Interview: Tim Jürgens

Marco Sturm, am 4. Mai 2018 beginnt die Eishockey-WM in Dänemark. Wie groß sind Chancen, dass sich das Olympia-Wunder 2018 dort fortsetzt? Wir hatten in Südkorea einen Riesenlauf, bei dem viele glückliche Faktoren zusammengekommen sind. Damit es in Dänemark ähnlich läuft, wären schon sehr viele Zufälle nötig. Aber Olympia hat uns gezeigt, dass mit einem guten Teamgeist vieles möglich ist.

Sie reisen demnach mit eher überschaubaren Erwartungen zur WM. Wir können uns jedenfalls nicht auf den Erfolgen ausruhen. Schon Gastgeber Dänemark, auf den wir im ersten Spiel treffen, wird alles dafür tun, uns eins auszuwischen. Bei Olympia haben viele unserer Spieler ständig ihr volles Leitungsvermögen abgerufen und einige haben durch den positiven Sog zeitweise sogar darüber gespielt. Das klappt nicht immer. Es wird auch wieder Rückschläge geben.

Seit Olympia 1976 hat Eishockey-Deutschland darauf gewartet, bei einem großen Turnier eine Medaille zu gewinnen. Ist es denkbar, dass der nächste Erfolg wieder 42 Jahre auf sich warten lässt? Ich hoffe nicht. Aber dass es uns gelingt, in einem Turnier gegen alle großen Nationen zu spielen und diese Spiele – bis auf dsas Finale gegen Russland – in der entscheidenden Phase für uns zu entscheiden, dafür muss schon viel zusammenkommen.

Fußballbundestrainer Jogi Löw sagte nach der WM 2014, er empfände durch den Titelgewinn ein inneres Glücksgefühl, von dem er annähme, dass es von nun an nie mehr weggehe. Ich kann nachvollziehen, was Löw da sagt. Wenn ich an das Halbfinale gegen Kanada denke, diese Befriedigung, die Silbermedaille jetzt nicht mehr verlieren zu können, gibt es mir Hoffnung, dass auch bei mir dieses gute Gefühl noch einige Zeit anhält, wenn ich daran zurückdenke.

DEB-Präsident Franz Reindl, der 1976 als Spieler dem Olympia-Kader angehörte, sagt, dass der Gewinn der Silbermedaille 2018 der größte Moment seines Lebens im Sport war. Das sehe ich auch so. Was nach Spielende gegen Kanada passierte, entspricht in weiten Teilen exakt meiner Vorstellung von absolutem Glück.

Ein Geheimnis des Erfolgs war Ihre Entscheidung, der Mannschaft in Südkorea Zeit zu geben, Olympia aufzusaugen und keine Testspiele anzusetzen. Das hätte auch schief gehen können. Ich hatte das Glück in der besten Liga der Welt zu spielen und dort viel darüber zu lernen, wie man mit Spielern umgeht und eine Mannschaft führt. Dazu gehört auch, den Jungs Freiheiten zu geben. Ich hatte nie Zweifel, dass die Spieler verantwortungsbewusst sind: Dass sie die Freiheiten schätzen, die ich ihnen gebe, aber auch genau wissen, dass ich absolute Disziplin erwarte, wenn das Turnier losgeht.

Wann wurde Ihnen klar, dass in Südkorea mehr drin ist als das Planziel: das Erreichen des Viertelfinals? Unser Motto lautete „Wir glauben an uns“. Das zweite Spiel gegen Schweden haben wir knapp verloren, aber eigentlich waren wir die bessere Mannschaft. Von da an wurde unser Glaube an uns mit jedem Spiel größer. Aber ganz ehrlich: Uns war auch vor dem Turnier klar, dass wir eine gute Einheit sind, die viel Spaß zusammen hat, aber auch bereit ist, hart für ihre Ziele zu arbeiten.

Der Silber-Erfolg hat am Ende aber auch Sie überrascht. Natürlich war es interessant zu sehen, wie die Jungen reagieren. Wie sie nach einem umkämpften Match gegen Norwegen plötzlich eiskalt die Penaltys versenken, sowas kann man nicht voraussehen. Denn Sie dürfen nie vergessen: Die Spieler waren noch nie in so einer Situation bei Olympischen Spielen. Niemand konnte sicher sein, wie sie sich unter Druck verhalten. Auch ich nicht. Deshalb kann ich mich glücklich schätzen, dass nicht nur der Trainerstaff, sondern auch die alten Hasen wie Christian Ehrhoff, Patrick Hager, Moritz Müller oder Marcel Goc immer wieder die entscheidende Ruhe reinbrachten. Diese Führungsspieler waren für mich wie ein verlängerter Arm.

Marcel Goc und Christian Ehrhoff haben nun Ihren Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt gegeben. Die Hierarchie wird sich zu WM also verändern. Dafür kommen jetzt die Profis aus der NHL zurück. Leon Draisaitl ist schon da, Dennis Seidenberg und Korbinian Holzer haben auch ihr Kommen zugesagt.

Insgesamt könnten bis zu acht Profis aus den nordamerikanischen Ligen im WM-Kader des DEB stehen. Ich werde den endgültigen Kader erst wenige Tage vor dem Turnier bekanntgeben. Bis dahin werden sehen, wie viel Zeit uns noch gemeinsam bleibt, um verschiedene Dinge auszuprobieren. Andererseits hatten wir auch vor Olympia nur drei, vier Tage, um uns in Füssen aufs Turnier einzustimmen. Aber dort sprang der Funke sofort über und ich merkte bei einem der ersten Meetings, wie sehr die Jungs darauf brannten, die Pläne umsetzen zu wollen.

Wer Sie an der Ersatzbank sieht, hat nicht den Eindruck, dass Sie der Spielverlauf nervlich besonders beansprucht. Ist das die Coolness des NHL-Veterans? Cool bin ich da bestimmt nicht, aber ich lebe in der Überzeugung, dass es keinen Sinn ergibt, aus der Haut zu fahren. Ich weiß einfach, dass sich ein Eishockeyspiel in Sekundenbruchteilen drehen kann. Also muss mich auch nicht großartig zwingen, die Ruhe zu behalten.

Die große Reportage über den historischen Gewinn der Silbermedaille in Südkorea 2018 – jetzt in der neuen Ausgabe von NoSports#10!