Eishockey

„Schmerzen hat man immer“

Daniel Pietta und Patrick Hager sind erbitterte Gegner in der Deutschen Eishockey Liga. Im Nationalteam konkurrieren sie um einen Platz im Kader. Dennoch sind die beiden eng befreundet. Geht das? „NoSports“ traf die beiden zum großen Interview

Daniel Pietta, Patrick Hager, kann es echte Freundschaft unter Eishockeyprofis geben?
Patrick Hager: Warum nicht?
Sie spielen auf einer ähnlichen Position. Nur Patrick Hager ist für die WM nominiert worden. Ihre Teams, die Krefeld Pinguine und die Kölner Haie, konkurrieren in der DEL.
Hager: Wir haben fünf Jahre in Krefeld zusammengespielt, auch wenn das Jahre zurückliegt, ist unser Kontakt nie abgerissen. Es war eine prägende Zeit in meinem Leben, bis heute teilen wir das Zimmer, wenn wir gemeinsam beim Nationalteam sind.
Daniel Pietta: Oft waren wir zusammen Bierchen trinken.
Hager: Wir hatten noch keine Familie und viel mehr Freizeit.
Heute sind Sie Gegenspieler in einer Vollkontaktsportart.
Pietta: Auf dem Eis schenken wir uns nichts. Aber nach dem Match ist das mit einem Handshake auch erledigt.
Kommen Sie sich als Stürmer auf dem Eis denn überhaupt ins Gehege?
Hager: Deutlich mehr als früher. Als gesetzter Mittelstürmer und Leader in Krefeld hat Daniel sehr viel Eiszeit. Die Trainer sehen zu, dass in entscheidenden Spielphasen die Top-Reihen gegeneinander spielen. Deswegen treffen wir uns häufig, wenn unsere Teams gegeneinander spielen. Als ich in Ingolstadt war, mussten wir in den Playoffs gleich zweimal gegen Krefeld ran. Das war schon sehr emotional und ging an Grenzen.
Sie lächeln, Daniel Pietta.
Pietta: Da gab es einige Situationen, in denen wir uns sehr „nah“ waren.
Hager sagt: „Ich bin nicht der größte Spieler, aber ich gehe keinem Zweikampf aus dem Weg.“ Hat er recht?
Pietta: Nö. Er ist ja nicht mehr nur der Mann fürs Grobe, sondern hat auch Scorerqualitäten. Und: Wirklich weh­getan hat er mir noch nie. Im Gegensatz dazu behauptet er, dass ich ihm früher mal einen mitgegeben hätte.
Hager: Daniel ist zwei Jahre älter, so trafen wir in Krefeld erstmals in der Nachwuchsliga aufeinander. Ich war 15, er auf dem Sprung zu den Profis. Na ja, da zahlt man Lehrgeld.
Können Sie das etwas konkretisieren?
Hager: Als ich einmal mit dem Kopf zu weit unten durch die Mitte fuhr, kam der D-Zug und fuhr drüber. Daniel kann sich natürlich nicht erinnern, aber solche Momente prägen. Heute lässt sich sagen, dass wir beide technisch gute Spieler sind, die den Kopf meistens oben haben und den Gegenspieler sehen, ohne dabei die Scheibe aus den Augen zu verlieren. Jedenfalls laufen wir in der Regel nicht mehr in den Check des Gegners.
Ist der Schmerz zentraler Bestandteil des Eishockey-Lebens?
Pietta: Schmerzen hat man immer.
Immer?
Pietta: Zumindest gehe ich nach keinem Spiel vom Eis und fühle mich in jeder Hinsicht pudelwohl. Aber die Schmerz-Palette ist breit. Abgesehen von schlimmeren Verletzungen, reicht sie in jedem Match von einer Prellung durch einen geblockten Schuss bis zu den Folgen eines derben Bodychecks.
Ihnen fehlt ein Schneidezahn, Daniel Pietta, Sie haben vom letzten Match ein blaues Auge, Patrick Hager.
Pietta: Allzu viel in meinem Mund ist nicht mehr echt. Das ist nun mal eine Begleiterscheinung des Sports. Aber bedenken Sie, dass da längst nicht immer Absicht dahintersteckt. Oft kommt es vor, dass ein Gegner im falschen Moment den Schläger verkantet und nicht mitkriegt, dass er mich trifft.
Hager: Wer sich davon beeindrucken lässt, ist in diesem Job ohnehin falsch.
In der NHL wird diskutiert, die Regeln zu modifizieren, weil Bodychecks im Extremfall zu Schädigungen des Gehirns führen.
Pietta: Das Spiel wird immer schneller, deswegen können Regeln nicht viel bewirken. Als Spieler muss man den Respekt und die Fairness besitzen, nicht in jeder Situation voll durchzuziehen und damit eine Verletzung des Gegners in Kauf zu nehmen. Natürlich ist das schwer, gerade wenn die Playoffs nahen, wo jeder dabei sein will.
Hager: Die DEL hat da in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Die derben Fouls und Checks werden inzwischen mit Spielsperren oder Geldstrafen belegt. Und die Jungs wissen, dass die Liga es ernst meint. Und noch mal: Bei den meisten Aktionen ist kein Vorsatz dabei. Wenn man sich bei dem Tempo für einen Check entscheidet, kommt man auch mal einen Schritt zu spät. Der Rest ist Erziehung.
Erziehung? Wie meinen Sie das?
Hager: Dass die Leute kapieren, dass es nun mal nicht das Obercoolste ist, wenn man den Gegner zusammenfährt, sodass er mit der Trage vom Eis getragen werden muss. Dass sie einsehen, dass Eishockey eine attraktive, rasante, technisch versierte Sportart ist, in der auch saubere Bodychecks ihre Berechtigung haben. Dazu muss ein Profi auch wissen: Wann muss ich einen Check fahren? Und wann ist der Gegner wehrlos, und es reicht schon ein kleiner Push, um ihm den Vorteil zu nehmen?
Besitzt ein Eishockey-Profi eine natürliche Grundaggression?
Hager: Aggression braucht man doch in jeder Zweikampfsportart.
Pietta: Allein um einen Gegner von der Scheibe zu trennen. Ohne Aggression gewinnt man keinen Zweikampf.
Hager: Aber die Aggressivität muss so kanalisiert sein, dass man ein gutes Spiel abliefert und sich dennoch im Rahmen des Reglements bewegt. Und das möglichst 80-mal pro Saison.
Zurück zu Ihrem Verhältnis: Was ist Pietta für ein Typ? Einige sagen, er neige zum Eigenbrötlerischen.
Hager: Was heißt Eigenbrötler? Ich würde sagen, bei ihm weiß man, woran man ist: Entweder man kommt super mit ihm aus oder mag ihn eher nicht.
Pietta: (Lächelt.)
Hager: Viele Gegenspieler haben Pro­bleme mit ihm, weil er auf dem Eis unter die Haut geht. Er macht sein Ding – und das mit Erfolg. Denn obwohl er bei einem kleineren Klub spielt, taucht er oft oben in den Scorerlisten auf. Darauf sind einige neidisch. Viele denken auch, Daniel wolle aus Krefeld nicht weg, weil er keine Lust hat, woanders anzuecken. Diese Leute vergessen, wie unglaublich schwer es ist, in einem Verein von den Bambinis den Weg bis hin zum Center der ersten Mannschaft zu schaffen. Sein Ehrgeiz, in Krefeld der beste Spieler zu sein und Verantwortung zu übernehmen, ist außergewöhnlich.
Im Januar 2015 haben Sie in Krefeld einen Zehn-Jahres-Vertrag unterschrieben. Im europäischen Eishockey gibt es keinen vergleichbaren Kontrakt.
Pietta: Es war mein Wunsch, dort zu bleiben. Dort habe ich mein Umfeld, dort fühle ich mich wohl.
Woanders hätten Sie mehr verdient.
Pietta: Keine Frage, aber so einen langfristigen Vertrag hat mir niemand geboten. Gut möglich, dass ich woanders zwei, drei Jahre mehr Geld bekommen hätte. Wenn ich mich dort aber verletze, wäre die Karriere danach vorbei. So habe ich zehn Jahre Sicherheit, und das bei dem Verein, der mir am meisten bedeutet.
Haben Sie mit Patrick Hager vorab über Ihre Vertragsverlängerung gesprochen?
Pietta: Nein, darüber habe ich mit niemandem gesprochen.
Hätten Sie ihm dazu geraten?
Hager: Natürlich nicht. Ich spiele gern mit ihm zusammen, denn ich weiß, was er draufhat. Ich hätte ihm eher geraten, dahin zu kommen, wo ich bin.
Gibt es den perfekten Mitspieler im Eishockey?
Hager: Ich glaube, jede Reihe kann sich über Training bis nahe Perfektion entwickeln. Mit dem Gogi (Philip Gogulla, d.Red.) und Ryan (Jones) habe ich in Köln über Jahre ein blindes Verständnis antrainiert.
Die beiden haben NHL-Erfahrung. Auf welchem Level bewegt sich die DEL im Vergleich zur NHL?
Hager: Jeder Spieler, der bei einer WM aufs Eis geht, hat ein hohes Niveau. Ich glaube, ich kann mit vielen aus der NHL mithalten. Natürlich gibt es Leute, die herausragen. Aber es gibt ja auch etliche aus der NHL, die hierzulande nicht die Erwartung erfüllen.
Schlafen Sie besser vor oder nach Spielen?
Pietta: Vor Spielen habe ich keine Probleme. Aber wenn es schlecht gelaufen ist, kommt es vor, dass ich hinterher gar nicht schlafe.
Hager: Geht mir auch so. Ich glaube, der Kopf wird immer wichtiger im Leistungssport.
Arbeiten Sie mit Mentaltrainern?
Hager: Ja, bei den Haien können wir auf einen zurückgreifen.
Pietta: In Krefeld gibt es keinen, bei der Nationalmannschaft habe ich mich mal mit einem zusammengesetzt und eine Art Drehbuch für ein Spiel entwickelt, für Spielzüge, Checks, so was. Aber man muss auch dran glauben, dass es funktioniert.
Hat’s denn funktioniert?
Pietta: Weiß ich nicht. Ich bin auch nicht der Typ, der sich so wahnsinnig mit mentalen Dingen beschäftigt.
Hager: Nach der Meisterschaft mit Ingolstadt haben wir mit einem Mentalcoach versucht, in der Gruppe neue Ziele zu erarbeiten. Das war hilfreich. Denn die Kunst ist ja, sich nach einem Titel nicht zufriedenzugeben, sondern wieder anzugreifen.
Wie lief das im Detail denn ab?
Hager: Das waren ergebnisoffene Gespräche, die uns recht banal klarmachten, wie etwa sich die Haltung eines Gegners verändert, wenn er nicht mehr nur zum ERC Ingolstadt, sondern zum amtierenden Meister reist. Wir haben uns vor Augen geführt, wie die Jungs vor dem Match in der Kabine sitzen, was sie denken, wie sie reden. Bei so etwas kann man mental viel rausziehen. Bei anderem sagt man aber auch: „Damit musst du mir nicht kommen!“
Zum Beispiel?
Hager: Es gibt beispielsweise eine Mentaltechnik, laut der man sich auch nach Niederlagen stets drei Dinge bewusst machen soll, die man gut gemacht hat. Damit man besser schläft. Mal ehrlich: Wenn ich scheiße war, war ich scheiße. Da brauche ich mir auch nichts einzureden, dafür bin ich im Kopf stabil genug.
Im Mai wird in Köln und Paris die Eishockey-WM ausgespielt. Wie beurteilen Sie nach dem Erreichen des WM-Viertelfinals 2016 in diesem Jahr die Chancen der DEB-Auswahl?
Hager: Seit Marco Sturm uns trainiert, haben wir eine sehr gute Stimmung im Team. Wir haben uns 2016 in einigen engen Kisten wie bei der Olympiaqualifikation behaupten können. Wir haben zwar nicht den Kader, um auf allen Positionen perfekt besetzt zu sein, aber unser Ziel ist auch diesmal, die letzten acht zu erreichen.
Pietta: Es kommt zudem drauf an, wer aus der NHL zur Verfügung steht und nicht dort drüben in den Playoffs spielen muss.
Sie beide konkurrieren bei der Nominierung um einen Platz im Kader. Nur Sie, Patrick Hager, sind nominiert worden.
Hager: Ja, es kann eben passieren, dass einer von uns zu Hause bleiben muss, weil wir ähnliche Funktionen haben. Aber das hat am Ende gar nicht so viel mit der Qualität des Einzelnen zu tun, sondern eher mit dem Typen, den sich der Trainer vorstellt.
Pietta: Wir sind ja, wie man neudeutsch sagt: polyvalent, wir können zentral, aber auch auf den Außenpositionen spielen.
Hager: Ich weiß, dass Marco die Nominierung hasst. Aber letztlich hat er seine Vorstellung, wie das Team aussehen soll, und er ist auch in der Lage, unpopuläre Entscheidungen zu treffen.
Der Bundestrainer sagt, die NHL-Spieler seien die „Anführer“ im Nationalteam. So ein Satz kann Ihnen doch nicht schmecken, oder?
Pietta: Wieso? Jeder weiß, dass die NHL die beste Liga der Welt ist. Und wenn ein Trainer die Chance hat, Spieler von dort in seinen Kader zu berufen, muss er das machen.
Hager: Diese Profis beweisen ja auch, dass sie in der Lage sind, Anführer zu sein, andernfalls hätten Sie sich in Nordamerika nie durchgesetzt.
Daniel Pietta, Sie haben nach drei WM-Teilnahmen in Folge in den letzten beiden Jahren gefehlt. Nervt es nicht, dass Ihre Nominierung eventuell auch davon abhängt, ob ein NHL-Spieler zur WM abgestellt wird oder in Übersee in den Playoffs spielt?
Pietta: Was heißt nerven? Erst einmal muss ich mein Bestes geben, um überhaupt für die Nationalmannschaft infrage zu kommen.
Sehr diplomatische Antwort.
Hager: Jeder will dabei sein, ist doch klar. Aber die Kunst ist auch, den Teamgedanken nicht aus den Augen zu verlieren. Ein Sportler muss doch so ehrlich zu sich selbst sein, im Zweifel zu akzeptieren, dass andere aus bestimmten Gründen besser in einen Kader passen.
Fußballbundestrainer Jürgen Klinsmann sagte vor der Heim-WM 2006: „An einem guten Tag können wir auch große Nationen schlagen.“ Wie sehen Sie das vor der WM 2017?
Pietta: Natürlich kann es passieren, dass wir uns bei guter Tagesform in einen Rausch spielen.
In der Kölnarena ist alles möglich?
Hager: Auf jeden Fall. Hier bin ich mit Ingolstadt vor drei Jahren Meister geworden, und hier wurden wir Vierter bei der WM 2010.
Pietta: Ich muss allerdings zugeben, dass ich kein Riesenfan der Arena bin.
Warum das denn?
Pietta: Das hat persönliche Gründe. In der DEL wurde ich in Köln schon öfter verletzt. Es gab immer wieder blöde Zwischenfälle. Aber wenn die Hütte voll ist, keine Frage, kann vor 18 000 Zuschauern alles passieren.
Hager: Bei einem WM-Turnier hängt vieles vom Glück ab. Letztes Jahr besiegten wir die Amis in der Vorrunde, doch die Russen wurden überraschend nicht Gruppenerster. So fügte es sich, dass wir trotz besserer Platzierung nicht gegen die Schweiz, sondern gegen die Russen spielen mussten.
Marco Sturm hat ein Nachwuchsprogramm mit dem Ziel aufgelegt, dass der DEB spätestens 2026 wieder um eine Medaille mitspielen kann. Sie wären dann 38 beziehungsweise 40 Jahre. Keine guten Aussichten, oder?  
Pietta: Ich habe am 9. Dezember Geburtstag, bei der WM wäre ich noch 39. Da geht also noch was. (Lacht.)
Hager: Ich werde wohl nicht mehr dabei sein. Die Jungs, die dieses Ziel erreichen, sind heute noch Teenager. Dass Programme auf den Weg gebracht werden, ist richtig. Aber all das braucht Zeit. Es ist doch klar, dass niemand erkennen kann, ob heute Zwölfjährige in zehn Jahren in der Lage sein werden, eine Medaille zu holen.
Letzte Frage: Sie sind beide Fußballfans. Wie läuft es zwischen Ihnen ab, wenn Bayern gegen den BVB spielt?
Pietta: Ich bin Borussia-Fan. Wenn wir gegen die Roten spielen und das Zimmer teilen, wird nicht viel geredet.
Hager: Was auch gut ist, denn als Sympathisant des FC Bayern konnte ich in den letzten Jahren deutlich mehr sticheln als du …
Pietta: Dafür tut es dir, wenn ich mal stichle, umso mehr weh.
Das heißt?
Hager: Als wir noch gemeinsam in Krefeld spielten, haben wir oft gewettet, wessen Team gewinnt. Wer die Wette verlor, musste nach dem nächsten Match die Ehrenrunde im Trikot des Gegners drehen. Ich gebe zu, da bin ich einige Male im BVB-Jersey durch die Halle gerannt.

Das Interview mit Pietta und Hager lest Ihr in Ausgabe #3 von „NoSports“.