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Siegen oder Sterben

Auch mit 45 Jahren läuft Claudia Pechstein konstant auf Weltklasseniveau. In Pyeongchang tritt sie zu ihren siebten Olympischen Spielen an. Ihr Rechtsstreit mit den Sportverbänden motiviert sie zu immer neuen Höchstleistungen. NoSports traf die Eisschnelläuferin für eine große Reportage für die Ausgabe 4 (Mai 2017)

Text:  Tim Jürgens       Foto: Kike

Als Claudia Pechstein im Februar 2017 bei der Eisschnelllauf-WM in Gangneung die Halle betrat, schaute sie zuerst nach oben. Dahin, wo die Lichter sind. Die Berlinerin hat in ihrem Leben gelernt, wie wichtig es ist, den Kopf oben zu behalten. Diesmal aber war der Blick in die Luft kein psychologisches Ritual oder der Versuch, Körperspannung aufzubauen. Die Sportlerin wog lediglich ihre Erfolgsaussichten ab und prüfte, wo die Scheinwerfer angebracht waren.
Die Wärme von niedrig hängendem Flutlicht weicht unmerklich die Eisoberfläche auf. Pechstein hat über viele Jahre ein intimes Verhältnis zu ihrem Element aufgebaut. Um über Mittelstrecken optimale Zeiten zu erzielen, braucht sie hartes Eis. Eis, das nicht nachgibt, wenn sie im Rennen die Kufen aufsetzt.
Der Blick unters Dach im „Gangneung Oval“ beruhigte sie. Das Licht in der Halle, wo im Februar 2018 auch die olympischen Eisschnelllaufwettbewerbe stattfinden werden, hing so weit oben, dass es ihre Chancen nicht schmälern würde. Und elf Tage vor ihrem 45. Geburtstag gewann sie in Südkorea über 5000 Meter die Silbermedaille. Bei ihrer 17. WM-Teilnahme, das 30. Mal Edelmetall in einer Einzeldisziplin. In einer Zeit, die sie seit fast zehn Jahren nicht gelaufen war. Als älteste Medaillengewinnerin in der Eisschnelllaufgeschichte.
Nur eine weitere Episode in einem epischen Sportlerdrama, das Claudia Pechstein Leben nennt. Dieses Leben in Extremen. Zwischen Licht und Schatten. Olympischen Weihen und Sportgerichten. Weiter Welt und Berliner Ostbezirken. Letztlich sogar: zwischen Leben und Tod. Denn wenn es in Pechsteins Biografie ein Leitmotiv gibt, dann ihre Überzeugung, trotz aller Widrigkeiten, Irrungen und Wirrungen nie aufgegeben zu haben.
Sie ist die letzte aktive Athletin auf Weltklasseniveau, die den Drill der DDR-Sportschulen noch bewusst erfahren hat. Die ihre ersten Erfolge bei Jugendspartakiaden im Arbeiter-und-Bauern-Staat feierte. Als sie 1992 in Albertville ihre erste von neun olympischen Medaillen gewann, unterlag sie knapp Gunda Niemann, deren 15-jährige Tochter Victoria – die das Talent der Mutter offenbar geerbt hat – heute manchmal an Pechsteins Seite trainiert.

Als Boulevardmedien um die Jahrtausendwende einen „Zickenkrieg“ unter deutschen Eisschnellläuferinnen ausgemacht haben wollten, gedachten ihr die Gazetten neben der barocken Bajuwarin Anni Friesinger die Rolle des vorlauten Berliner Backfischs zu. Zu viel Sportschule, zu wenig Glamour. Der verbeamteten Polizistin fehlte die Eloquenz der Kollegin Franziska Schenk, die als TV-Moderatorin Karriere machte.
Niemann, Friesinger, Schenk, zuletzt auch Stephanie Beckert: Deutsche Top-Läuferinnen kamen und gingen. Nur Claudia Pechstein blieb – und fuhr weiter. Aktuell gibt es keine Athletin, die ihr hierzulande annähernd das Wasser reichen könnte. Als sie gerade in Südkorea Vizeweltmeisterin wurde, belegte die 17 Jahre jüngere Bente Kraus den achten Rang – mit fast sieben Sekunden Rückstand auf die Veteranin.

Pechstein trotzt den Gesetzmäßigkeiten des Alterns. Kaum vorstellbar, dass sie vor acht Jahren drauf und dran war, sich das Leben zu nehmen. Im Februar 2009 war bei einem Wettkampf im norwegischen Hamar ein erhöhter Anteil von Retikulozyten in ihrem Blut festgestellt worden, was den Verdacht auf Doping zuließ. Die Internationale Eislaufunion (ISU) drohte an, sie rückwirkend für zehn Jahre zu sperren und ihr sämtliche Erfolge abzuerkennen. Nach Sponsoren und großen Teilen ihres Umfelds wandte sich auch ihr Ehemann von ihr ab. In ihrer Verzweiflung setzte sie sich ins Auto, warf den Motor an, um sich von der nächstgelegenen Brücke zu stürzen. „Ich hatte allen Lebensmut verloren, hatte eine Woche lang nichts mehr gegessen und entschieden, meinem Leben ein Ende zu setzen“, erzählt sie. Doch als sie losfahren wollte, klingelte das Handy. Der Manager. Sie überlegte, ob sie rangehen sollte. Entschied sich dafür. Und damit fürs Weiterleben.
Die ISU sperrte sie für zwei Jahre. Acht Beamte des BKA führten eine Hausdurchsuchung durch. Erfolglos. Ihre Ehe zerbrach. Ihr Arbeitgeber, die Bundespolizei, leitete ein Disziplinarverfahren ein. Sie verpasste die Olympischen Spiele in Vancouver 2010. Pechstein durfte zwei Jahre lang nicht offiziell trainieren, keine Wettkämpfe bestreiten, sie nahm Sonderurlaub, bekam kein Gehalt. Und zermarterte sich den Kopf, was zu den erhöhten Werten geführt hatte.

Am Ende diagnostizierten Mediziner eine vom Vater vererbte Blutanomalie. Der Dopingverdacht war damit haltlos. Das Blatt wendete sich. Eine Psychotherapie half ihr, neuen Lebensmut zu fassen. Sie verliebte sich neu. Der Mann, Matthias Große, ein Berliner Unternehmer, nahm sich ihrer Rechtsangelegenheiten an und sorgte dafür, dass sie wieder mit klarem Kopf aufs Eis gehen konnte. So fand sie allmählich zurück in die Spur.
Seither kämpft das Paar vor Gericht um Pechsteins vollständige Rehabilitierung. Sie nennt ihn „Matze“, er nennt sie „Claudi“. Doch was vor Zivilgerichten möglich ist, erweist sich in der Sportgerichtsbarkeit als Ding der Unmöglichkeit. Bis heute ist der Internationale Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne nicht bereit, die medizinischen Gutachten, die Pechstein entlasten, anzuerkennen und seine 2009 verhängte Sperre rückgängig zu machen. Damit fällt es der Sportlerin schwer, hohe Schadenersatzansprüche wegen verlorener Sponsorengelder, medizinischer Gutachten und der Prozesskosten gegen die ISU geltend zu machen. Zuletzt wies der Bundesgerichtshof ihre Klage zurück, nun wartet Pechstein auf einen Termin vorm Bundesverfassungsgericht.
Reichlich Gepäck für eine Frau, die längst jenseits der Altersgrenze für Spitzensportler weiter in der Weltspitze mitfährt. Doch es scheint, als sei ihr Ringen mit den Institutionen für sie längst zu einem Gleichnis für ihren Ehrgeiz auf dem Eis geworden. Eine Art Fortführung des Sports mit anderen Mitteln. Eine Frage der Gerechtigkeit. „Wir machen so lange weiter,“ sagt Pechstein, „bis wir recht bekommen. Siegen oder sterben!“ Als müsse sie in der finalen Runde eines 5000-Meter-Laufs noch einmal letzte Kräfte mobilisieren: „Aufgeben ist keine Option. Weder im Sport noch vor Gericht.“

Wenn sie so spricht, klingt sie nicht verbittert, sondern kämpferisch. Eine Frau in den besten Jahren, die erkannt hat, dass ihr im Leben nichts geschenkt wird. Seit ihren Suizid-Gedanken weiß sie zu schätzen, wie gut es sich anfühlt, wenn Blut in ihren Adern pulsiert. Als Polizeihauptmeisterin hat sie bei den obligatorischen Schießübungen schon öfter den Kürzeren gezogen. „Im Schießkino war ich schon zweimal tot“, sagt sie. „Solche Momente stimmen mich sehr nachdenklich.“ In ihrem Alter hätte sie sich längst zum Innendienst abkommandieren lassen können, stattdessen rückt sie mit ihrer Einheit weiter zu Problemeinsätzen aus: am 1. Mai nach Kreuzberg, zu Fußballspielen oder an die Grenze. Sie will das zweite Leben, das ihr geschenkt wurde, mit jeder Faser spüren. Sie braucht das ­Adrenalin.
Ortstermin: Sportforum Hohenschönhausen. In der Mitte der Eishalle drehen Eiskunstlauf-Bambini Pirouetten. Als Dreijährige stand Pechstein hier das erste Mal auf dem Eis. Sie hat ihr Planquadrat im Berliner Osten nie ganz verlassen, doch von hier aus hat sie die Welt gesehen. Geboren in Marzahn, wohnhaft in Köpenick, die Arbeitsstelle bei der Einsatzhundertschaft im brandenburgischen Blumberg, Training in Hohenschönhausen.
Am ersten Frühlingstag des Jahres läuft Claudia Pechstein als Letzte in einer Reihe männlicher Läufer ihre Runden. Synchron wie ein Vogelschwarm, der Formation fliegt, gleitet die Gruppe dahin. Nur das Zischen der Schlittschuhe ist zu hören. Ab und zu schreit in der Mitte ein Kind, das den Rittberger nicht gestanden hat. Die Herren tragen schwarze Rennoveralls, Pechstein Hellblau. Ein Ziervogel unter Krähen. Ihr Team nennt sie „The Internationals 2018“. Sechs Männer – Russen, Japaner, Norweger und Ungarn –, einige haben selbst Ambitionen, bei Olympia in Südkorea an den Start zu gehen. Pechstein braucht die männliche Konkurrenz, die maximale Herausforderung.

„Der innere Schweinehund wird mit den Jahren nicht kleiner“, sagt sie. Natürlich könnte sie allein trainieren, die Erfahrung hat sie. Aber mit dem ehemaligen US-Eisschnellläufer Peter Mueller als Antreiber kann sie Grenzen überschreiten, wie sie es allein nicht schaffen würde. Der Coach wandelt die Wut, die der Rechtsstreit in ihr freisetzt, in zusätzliche Power um.
Als sie 2011 ihren ersten Wettkampf nach der Sperre in Erfurt bestritt, hatte sie wenige Tage zuvor auf dem Ergometer einen Zusammenbruch erlitten. Sie dachte an Fehlstarts, an Stürze, daran, die Klötze mitzunehmen. Dinge, die sie bis dato nie beschäftigt hatten. Ihr Körper streikte. Doch es ging alles gut. Bei der darauffolgenden WM in Inzell holte sie Bronze. Unter den zahllosen Medaillen bis heute ihre wichtigste: „Denn es war die passendste Antwort meines Lebens auf das mir angetane Unrecht!“
Seither läuft sie im steten Bewusstsein, dass jeder Erfolg dieser Größenordnung der letzte sein kann. Auch Pechstein weiß, dass Wille die Biologie nicht auf Dauer austricksen kann. Wenn sie junge Athletinnen auf dem Eis erlebt, wird ihr bewusst, dass sie einer anderen Generation angehört. Manchmal denkt sie: „Schon seltsam, worüber die sich unterhalten.“ Doch jede Medaille mit dem ISU-Signet, die sie gewinnt, ist auch ein weiterer Schritt auf ihrer Gerechtigkeitsmission und eine persönliche Genugtuung: „Es ist ein großer Antrieb“, sagt Pechstein, „dass der Verband, der mich zerstören wollte, mir Medaillen umlegen muss.“

Wie wäre ihr Leben wohl verlaufen, wenn das alles nicht passiert wäre? Schon 1998 dachte sie kurz daran, die Schlittschuhe an den Nagel zu hängen, nachdem sie jede olympische Medaille einmal gewonnen hatte. Heute denkt sie: „Zehn Medaillen sind besser als neun.“ Und worüber soll sie sich überhaupt Gedanken machen, wenn keine deutsche Läuferin ihr ernsthaft Konkurrenz macht?
Und so läuft und läuft und läuft Pechstein. Wenn im Sommer die Eisschnelllaufsaison ruht, fährt sie bei den großen Inline-Wettbewerben mit: Welt- und Europameisterschaften, den Masters. Jogging mag sie nicht besonders, sie zieht es vor zu schweben. Unermüdlich, ohne äußerlich erkennbaren Druck. Eine leidenschaftliche Sportlerin, die gelernt hat: „Wenn ich nicht trainiere, trainieren die anderen.“
Weit über 600 Dopingkontrollen hat sie seit ihrer Sperre über sich ergehen lassen. Noch immer leidet sie durch die Erbkrankheit unter schwankenden Blutwerten, lässt sich regelmäßig auf eigene Kosten testen und erstattet Selbstanzeige, wenn sie den zulässigen ISU-Grenzwerten nahe kommt. Sie sagt: „Jeder, der gedopt ist, muss bestraft werden.“ Ergo: Jeder, der es nicht getan hat, ist von jeder Schuld freizusprechen. Aufgeben ist keine Option.
Das Sportlerdrama geht also weiter. Das nächste Kapitel: die Winterspiele 2018 in Südkorea. In der Halle wird es wieder hell sein. Die Scheinwerfer werden jeden ihrer Schritte ausleuchten. Doch es wird Claudia Pechstein nichts ausmachen. Denn das Eis in Gangneung bleibt hart.

Mehr über Claudia Pechstein findet Ihr in Ausgabe#4 von NoSports.