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Siegen oder sterben

Mit 45 Jahren läuft Claudia Pechstein noch konstant auf Weltklasseniveau. Ihr Rechtsstreit mit den Sportverbänden motiviert sie zu immer neuen Höchstleistungen

Text: Tim Jürgens       Foto: Kike

Als Claudia Pechstein im Februar bei der Eisschnelllauf-WM in Gangneung die Halle betrat, schaute sie zuerst nach oben. Dahin, wo die Lichter sind. Die Berlinerin hat in ihrem Leben gelernt, wie wichtig es ist, den Kopf oben zu behalten. Diesmal aber war der Blick in die Luft kein psychologisches Ritual oder der Versuch, Körperspannung aufzubauen. Die Sportlerin wog lediglich ihre Erfolgsaussichten ab und prüfte, wo die Scheinwerfer angebracht waren.
Die Wärme von niedrig hängendem Flutlicht weicht unmerklich die Eisoberfläche auf. Pechstein hat über viele Jahre ein intimes Verhältnis zu ihrem Element aufgebaut. Um über Mittelstrecken optimale Zeiten zu erzielen, braucht sie hartes Eis. Eis, das nicht nachgibt, wenn sie im Rennen die Kufen aufsetzt.
Der Blick unters Dach im „Gangneung Oval“ beruhigte sie. Das Licht in der Halle, wo im Februar 2018 auch die olympischen Eisschnelllaufwettbewerbe stattfinden werden, hing so weit oben, dass es ihre Chancen nicht schmälern würde. Und elf Tage vor ihrem 45. Geburtstag gewann sie in Südkorea über 5000 Meter die Silbermedaille. Bei ihrer 17. WM-Teilnahme, das 30. Mal Edelmetall in einer Einzeldisziplin. In einer Zeit, die sie seit fast zehn Jahren nicht gelaufen war. Als älteste Medaillengewinnerin in der Eisschnelllaufgeschichte.
Nur eine weitere Episode in einem epischen Sportlerdrama, das Claudia Pechstein Leben nennt. Dieses Leben in Extremen. Zwischen Licht und Schatten. Olympischen Weihen und Sportgerichten. Weiter Welt und Berliner Ostbezirken. Letztlich sogar: zwischen Leben und Tod. Denn wenn es in Pechsteins Biografie ein Leitmotiv gibt, dann ihre Überzeugung, trotz aller Widrigkeiten, Irrungen und Wirrungen nie aufgegeben zu haben. (…)

Die komplette Reportage über Claudia Pechstein – jetzt in der neuen Ausgabe von NoSports.