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„Wer kann schon gut verlieren?“

Seit neun Jahren fährt Nico Hülkenberg in der Formel 1. Er beklagt, dass immer mehr Regeln die Attraktivität schmälern. Der 30-Jährige wünscht sich mehr Action auf der Strecke – und hofft nach 135 Rennen endlich auf seinen ersten Podiumsplatz

Interview: Thomas Bünting

Nico Hülkenberg, stellen Sie sich vor, Sie besäßen eine Zeitmaschine: In welche Formel-1-Ära würden Sie reisen? Die Vergangenheit kenne ich nur aus Bildern und Erzählungen, aber ich glaube, die Achtziger und frühen Neunziger hätten mir gut gefallen.

Die Ära Ayrton Senna oder mehr die große Zeit von Michael Schumacher? Beide haben sich noch einige Jahre überschnitten, aber ich war großer Fan von Michael, insofern sind mir seine Rennen in bleibender Erinnerung.

Ein Rennen, das Ihnen als Fan besonders in Erinnerung ist? Die Zeit, als Michael im Ferrari gegen Mika Häkkinen im McLaren fuhr. Da gab es einige heiß umkämpfte Duelle in Spa und Suzuka, bei denen es sehr eng war. Zwei Top-Fahrer auf Augenhöhe, die bis zum letzten Rennen um den Titel fochten, das hatte was. Solche intensiven Fights machen unseren Sport attraktiv.  

Sie fordern, dass die Formel 1 wieder mehr Gladiatorenkampf werden müsse. Viele denken bei solchen Begriffen an Hasardeure wie James Hunt, der in den Siebzigern gewissermaßen mit dem Cocktailglas ins Cockpit stieg. Die Autos in den Siebzigern waren sehr anspruchsvoll. Die Fahrer konnten sich noch gar nicht aufs Digitale verlassen, die Schaltung war analog. Die Jungs und ihre Daten waren längst nicht so transparent. Deshalb ging es ganz anders auf der Strecke zur Sache. Die Männer riskierten wirklich ihr Leben. Und ich denke, deshalb haben diese Fahrer auch deutlich extremer gelebt als wir heute.

Was sagen Ihre Kollegen, wenn Sie fordern, dass die Formel 1 mehr Gladiatorenkampf werden müsse? Im alten Rom gingen solche Veranstaltungen ja nicht gut aus. Ich weiß, dass alle Fahrer dafür sind, dass die Klasse wieder schneller, dynamischer und deutlich weniger von der Aerodynamik bestimmt wird. Ansonsten rede ich mit Kollegen aber wenig über meine Ansichten.

Ach ja? An Rennwochenenden habe ich doch mehr mit meinem Team und mit mir selbst zu tun.

Freundschaften gibt es in der Formel 1 nicht? Nein. Ich habe natürlich ein paar Spezis. Aber in diesem Business ist das mit Freundschaften schwierig. Ein paar Fahrer wohnen wie ich in Monaco, da sieht man sich zwangsläufig mal. Aber an den Wochenenden sehen wir uns nur bei der Fahrerbesprechung, bei der -parade und vielleicht hinterher kurz bei einer Party.

Mit dem Dänen Kevin Magnussen fochten Sie vergangene Saison eine kleine Privatfehde aus. Das stimmt, mit dem Kollegen kann ich nicht so gut.

Als er Sie im Juli in Budapest ins Kiesbett drückte, nannten Sie ihn den „unsportlichsten Fahrer“ im Feld. Sehen Sie, ich fordere nicht nur Gladiatorenkämpfe, ich führe sie auch. (Lacht.)

Was macht Magnussen so unsportlich? Er hat nur selten das gesamte Rennen im Blick, sondern es geht ihm offenbar mehr darum aufzufallen. Er lässt schnellere Fahrer nicht überholen oder drückt Konkurrenten einfach mal weg. Und manchmal, sorry, nimmt der Kollege dabei die Gefahr auch billigend in Kauf. Mit meiner Meinung bin ich nicht allein: Im Verlauf der Saison haben sich ja auch andere Fahrer in ähnlicher Form über ihn geäußert.

Als Sie ihn in Ungarn anfauchten, retournierte er vor laufenden Kameras: „Suck my balls!“ Er legt es ganz offenbar drauf an. Formel 1 ist unheimlich emotional. Wir gehen an allen Fronten ans Limit, da schäumt es auch außerhalb des Cockpits schon mal über. Ich bin nicht stolz darauf, wenn es mir passiert, aber ich sehe auch nicht ein, mich zu verstecken, nur weil die Kameras auf mich gerichtet sind. Ich sage ihm lieber ins Gesicht, was ich denke, als es hinter seinem Rücken zu tun. Seine Reaktion fand ich witzig und, mein Gott, es ist doch schön, wenn es Friktion gibt und Sie etwas zu berichten haben.

Mit anderen Worten: Sie haben diesen Konflikt mit Magnussen nicht ausgeräumt? Da gibt es nix zu klären. Wir wissen beide, was wir voneinander zu halten haben. Nächste Saison sehen wir uns dann auf der Strecke wieder und fechten das aus. Thema durch!

Präsentiert sich die Formel 1 manchmal zu langweilig? Natürlich ist es mitunter etwas glattgebügelt. Wie gesagt, die Achtziger hätten mir im Rennzirkus sicher ganz gut gefallen.

Wie viel „Sex, Drugs & Rock’n’ Roll“ ist das Formel-1-Business denn noch? Für Drogen ist da kein Platz mehr. Aber das ist wohl auch gut so. Die Saison ist lang und intensiv, da bieten sich wenig Optionen für Dinge nebenher. Aber ich kann mich nicht beklagen, es gibt auch vieles in meinem Leben, was ich in vollen Zügen genieße. (Lacht.)

In einem gemeinsamen Interview mit Nico Rosberg sagten Sie, dass er nach zwei Bier zur Partykanone wird. Wer ist seit Rosbergs Abgang das Feierbiest?
Max (Verstappen, d. Red.) ist gut am Gas und lässt keine Party aus. Der ist jung, erfolgreich und hat auf beiden Ebenen eine flotte Pace. Cooler Typ.

Und Sie? Ich habe auch meine Momente, ein paar Mal im Jahr.

Die Grid-Girls verschwinden von der Strecke. Was halten Sie davon? Ich finde es sehr schade, denn es wäre ein weiterer Rückschritt in Sachen Showbusiness. Ein paar heiße Mädels vor den Autos bei der Starting-Grid, das ist doch für die ganze Szene nur förderlich.

Aber eine Frau, die gewissermaßen als Accessoire für ein Rennauto herhalten muss, entspricht keinem modernen Frauenbild. Ach, Schmarrn, ich verstehe diese Diskussion nicht.

Wir fassen zusammen: Ein bisschen mehr Action könnte es Ihretwegen in der aktuellen Formel 1 durchaus geben? Irgendwie schon. Die Gefahr gehört nun mal dazu. Motorsport lebt von der Geschwindigkeit, dessen sind sich alle Fahrer bewusst, und wir sind uns einig, dass es nicht gut ist, die Formel 1 zunehmend durch Regeln und Sicherheitsmaßnahmen zu sterilisieren. Das ist gegen die Natur dieses Sports.

Aber es schützt andererseits Ihre Gesundheit und bestenfalls Ihr Leben. Die Autos und Strecken sind inzwischen so sicher, jedes Jahr werden die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt. Wir fahren mittlerweile mit Bändern, die die Reifen bei einem heftigen Crash festhalten. Und nun kommt auch noch Halo …

… ein elf Kilo schwerer Sicherheitsbügel über dem Cockpit, der den Fahrer bei Stürzen schützen soll. Was meines Erachtens ein schwerer Schlag für die Attraktivität ist. Nicht nur, weil es blöd aussieht, sondern die Wahrscheinlichkeit minimal ist, dass ein Unfall passiert, bei dem Halo wirklich hilfreich ist. Im Gegenteil. Bei manchen Unfallszenarien, wenn ich beispielsweise schnell aus dem Auto rausmuss, erhöht Halo meines Erachtens sogar die Gefahr.

Vor der letzten Saison sagten Sie: „In der Formel 1 ist es nun wieder wie in einer schnellen Achterbahn, keine Kaffeefahrt mehr, die Fahrer müssen wieder mehr mit dem Auto ringen.“ Haben sich Ihre Hoffnungen bewahrheitet? Das Fahren macht schon deutlich mehr Spaß. Die Rennen sind durch die neuen Regeln definitiv dynamischer geworden, ich kann auf der Strecke pushen, wieder mehr Rennfahrer sein und meinem Naturell mehr folgen als vorher.

Sie meinen, die fahrerische He-rausforderung stimmt, die Show aber ist ausbaufähig. Genau. Die Autos sind schneller geworden, aber durch die veränderte Aerodynamik ist es extrem schwer, interessante Rennen zu produzieren. Wenn ich hinter jemandem herfahre und die schlechte Luft abbekomme, ist es fast unmöglich, dranzubleiben oder sogar zu überholen.

Mit 1,85 Meter sind Sie als F-1-Pilot ein Riese. Schränkt das Halo-System am Ende sogar Ihr Sichtfeld ein? Meine Größe ist okay, ich passe gut ins Auto. Mein Problem ist eher, dass ich mehr wiege als andere. Halo wiegt elf Kilo, das Mindestgewicht wird aber nur um fünf Kilo erhöht. Die Diskrepanz von sechs Kilo wird für mich in der ersten Saisonhälfte also zwangsläufig zum Nachteil.

Was müssen Sie bis Saisonstart noch abnehmen? Ich lebe da seit jeher am Limit. Da geht nicht viel mehr runter, denn ich brauche auch ein bisschen Muskelmasse und Fitness.

Das heißt? Mit kompletter Ausrüstung bringe ich seit Jahr und Tag etwa 78 Kilo auf die Waage.

Mit Renault landeten Sie bei der Konstrukteurswertung in der Saison 2017 auf Platz 6. Doch die finanzielle Schere zu den Spitzenteams geht immer weiter auf. Es gab immer Teams, die dominiert haben. Aber vor 15 Jahren war das gesamte Feld insgesamt noch enger beieinander. Inzwischen sind Außenseitersiege kaum noch vorstellbar, weil Top-Teams finanziell dermaßen überlegen sind, dass es kaum Möglichkeiten gibt, da ranzukommen. Ich glaube, es wäre gut für die Attraktivität, sich da wieder mehr anzunähern.

Macht das Geld die Formel 1 kaputt? Nein, ohne das Geld würde es diesen Sport gar nicht geben. Formel 1 ist schließlich ein sehr teures Vergnügen.

Aber Sie können sich im Gegensatz zu vielen Konkurrenten auf die Fahne schreiben, dass Sie noch keinen Cent zahlen mussten, um hier an den Start zu gehen. Der Nachteil ist, dass Sie noch nie ganz vorne mitgefahren sind. Stimmt, aber es gibt in der Formel 1 selten mehr als ein, zwei Teams, also vier Sitze, die Rennen gewinnen können. Und um einen dieser Plätze zu bekommen, ist Timing extrem wichtig. Und daran, das muss ich zugeben, hat es bei mir in der Vergangenheit manchmal gehapert. Aber jetzt fahre ich für Renault und habe gerade mein bestes Jahr in der Formel 1 hinter mir. Ich freue mich, hier in den nächsten Jahren noch einiges zu bewegen.

In zwei Jahren wollen Sie um den Titel mitfahren. Realistisch? Es ist nicht einfach, denn auch die Konkurrenz schläft nicht. Aber wir müssen uns Ziele setzen und daran arbeiten. Renault kauft gerade viele gute Leute ein, wir nehmen eine gute Entwicklung.

Ihren Glauben, doch einmal Weltmeister zu werden, geben Sie also auch im neunten Jahr in der Formel 1 nicht auf. Sicher nicht.

Sehen Sie sich langfristig bei Renault? Definieren Sie langfristig. Es ist ja bekannt, dass mein Vertrag noch etwas läuft.

Wie lang? Kann ich Ihnen gerne sagen, aber dann muss ich Sie leider sofort umbringen.

Sie sagen, Ihre großen Stärken seien Speed, Ehrgeiz und Teamfähigkeit. Welches ist der wichtigste Faktor, um so lange wie Sie in dieser Rennklasse zu bestehen? Alles! Die Formel 1 ist ein Leistungsbusiness, die Gesamtperformance muss stimmen. Tut sie das nicht, bin ich schnell wieder draußen. Dafür gibt es zu viele gute, hungrige Fahrer, die reinwollen.

Nimmt der Speed mit dem Älterwerden ab? Nein, der nimmt mit der Erfahrung eher zu. Die aktuellen Autos kommen meinem Fahrstil auch entgegen. Diese Sorge habe ich wirklich nicht.

Wie blicken Sie als Fahrer eigentlich auf das Formel-1-Milieu? Einerseits bestimmen dort alles die Konzerne, die mit ihrer Technik nichts dem Zufall überlassen und nach Perfektion streben, und auf der anderen Seite trifft man mondäne Typen wie Ihren Ex-Boss beim Force-India-Rennstall, Vijay Mallya, der jetzt wegen Geldwäsche im Knast sitzt. Ich bin hier angetreten, weil Rennfahren meine Passion ist, das, was ich am allerliebsten mache auf der Welt. Und wenn man hier reinkommt, lernt man, dass zu diesem Business eben auch die schillernden Figuren gehören – und stellt es gar nicht infrage. Aber damit habe ich kaum zu tun, denn ich fokussiere mich vornehmlich auf die Entwicklung des Autos und aufs Fahren.

Nico Hülkenberg, können Sie gut verlieren? Wer kann das schon?

Als der Formel-1-Fahrer in der Geschichte mit den meisten Starts ohne Podiumsplatz müssen Sie wohl auch ein fairer Verlierer sein. In diesem Sport bin ich eben sehr vom Arbeitsgerät abhängig. Ein paar Mal hatte ich die Chance, aufs Podium zu fahren, aber stets kamen unglückliche Umstände dazwischen. Meistens Dinge, die ich nicht beeinflussen konnte. Aber, hey, ist doch auch eine Leistung.

Was meinen Sie? Na, 135 Rennen ohne Performance – und immer noch in der Formel 1. Das muss man doch erst einmal schaffen. (Lacht.) Ich war immer ein Anhänger der Einstellung, dass einem Gutes widerfährt, wenn man hart arbeitet und dranbleibt. Ich mache mir keinen Druck und bin sicher, dass meine besten Jahre noch vor mir liegen. 

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