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Die Geschichte des 100-Meter-Laufs zerfällt in zwei Teile: in die Zeit vor Usain Bolt und die danach. Mit dem Jamaikaner begann eine neue Zeitrechnung im Sprint. Bei der WM in London tritt er nun das letzte Mal an – danach lässt er die Welt mit seinem Fabelrekord zurück

Text: Tim Jürgens

Als das Ende in Sichtweite kommt, wird er plötzlich sentimental. Der Mann, der sogar der Zukunft stets einen Schritt vorauszueilen schien, offenbart der Welt eine ungewohnt nostalgische Ader. Usain Bolt, der Marsianer, der mit vielen Worten oft wenig sagte, widmet sich auf der Zielgerade seiner Laufbahn einem gänzlich irdischen Problem und lässt verlauten, es sei „eine große Schande“, beim geplanten Umbau des Berliner Olympiastadions die blaue Laufbahn verschwinden zu lassen. Schließlich sei die Arena im Westend der deutschen Metropole doch „eins der besten Stadien der Welt“.
Wenn Sportler ihre Karriere beenden, werden sie sich der eigenen Vergänglichkeit bewusst. Sogar ein Jahrhundertathlet wie Usain Bolt ist offenbar nicht davor gefeit, sich wenige Wochen vor der Leichtathletik-WM 2017 existenzielle Fragen zu stellen. In London, so hat er angekündigt, will er ein letztes Mal Titel abräumen. Danach ist Schluss. „Meine Mission ist erfüllt“, sagt Bolt. Und wer würde ihm widersprechen? Lange schien sein Leben eine nicht enden wollende Reggaeparty zu sein. Niemand personifizierte das relaxte Lebensgefühl Jamaikas, die Philosophie von „First chill, then thrill“, besser als er. Keinem Sprinter gelang es je mit derart aufreizender Lässigkeit, historische Erfolge wie Selbstverständlichkeiten aussehen zu lassen.
2008 schlabberten ihm die offenen Schnürsenkel um die Fesseln, als er in Weltrekordzeit sein erstes olympisches Gold über 100 Meter in Peking gewann. Wissenschaftler errechneten, dass er in diesem Lauf bis zu 17 Hundertstel verschenkt habe, weil er bereits 15 Meter vor dem Ziel triumphierend mit den Armen geschlackert hatte. Aber „Lightning Bolt“ verschleuderte gern  Sekundenbruchteile, solange er gewann und es seiner Wahrnehmung  als größtem Star, den die Leichtathletikwelt je gesehen hatte, nicht schadete. Bolt wollte nie nur der Schnellste sein, er wollte übersinnlich erscheinen, wie ein sportiver Superheld. „Ich möchte zu den Großen gehören, zu Ali und Pelé“, sprach er in jungen Jahren. Nach dem zweiten Olympia-Triple 2012 (Gold über 100 Meter, 200 Meter, 4-x-100-Meter-Staffel) stand er in gewohnter Sternendeuter-Pose in London auf der Bahn und hatte endlich Gewissheit: „Nun bin ich eine Legende, der größte lebende Athlet.“
Als ihn nun aber im heimischen Trelawny Parish die Nachricht erreichte, dass im fernen Deutschland irgendein Klub auf das Recht pocht, in einem reinen Fußballstadion seine Spiele austragen zu dürfen, und Berlin deshalb erwäge, die blaue Laufbahn aus dem Olympiastadion zu entfernen, sah der Sprinter sein Erbe beschmutzt. Daheim in Kingston haben sie ihm zu Ehren vorm Nationalstadion eine Statue errichtet. Seit Jahren reist er mit Diplomatenpass durch die Welt, weil seit Bob Marley kein Mensch den karibischen Inselstaat in der Welt je angemessener repräsentiert hat als er. Doch ausgerechnet die wurstigen Deutschen wollen den Schauplatz seines größten Triumphs wegen schnöder Bundesliga-Unterhaltung von Abrissbaggern planieren lassen. Es wurde Zeit für ein Machtwort.
Die blaue Tartanbahn ist Bolts Laufsteg in die Geschichtsbücher. An der Stelle, wo Jesse Owens einst die Nazis düpierte, präsentierte sich der Jamaikaner im August 2009 im Zenit seiner Schaffenskraft. Innerhalb weniger Tage verbesserte er die Weltrekordzeiten über 100 Meter und 200 Meter. Experten rätselten, ob das fluide Blau der Bahn dem Läufer womöglich Auftrieb gegeben haben könnte, so extraterrestrisch waren Bolts Leistungen. 9,58 Sekunden. 19,19 Sekunden. Zwei Werte wie Grenzmauern zwischen der alten Zeit – zu der von nun an von Armin Hary bis Carl Lewis alle großen Sprinter gehören sollten – und der Zukunft, in der fortan Halbgötter wie Bolt mit Überschallgeschwindigkeit über die Kunststoffbahn pesten.

Im Jahr 1931 hatte der US-Sportdozent Brutus Hamilton noch errechnet, dass ein Homo sapiens bei optimaler Statur und Schnellkraftausnutzung im Idealfall die 100 Meter in 10,1 Sekunden laufen könne. Über viele Jahrzehnte arbeiteten sich Sprinter aus allen Teilen der Erde an der Überwindung dieses zweistelligen Ergebnisses ab.
Erst in den späten Achtzigern gelang es einigen Athleten – meist unter Zuhilfenahme gesundheitsschädlicher Anabolikapräparate –, die magische Neun vor dem Komma gesellschaftsfähig zu machen. Noch 2008 ermittelte das Biomedizinische Institut für Sport in Paris 9,72 Sekunden als Maximalwert für den 100-Meter-Sprint. Ein Mensch, der noch schneller sei, so glaubten die Wissenschaftler, laufe Gefahr, dass unter dem Tempodruck seine Muskeln reißen oder Knochen brechen.
Usain Bolt hat in Interviews oft gelangweilt übers Sprinten gesprochen. Hat gesagt, dass er viel lieber ein Cricketstar geworden wäre und er auch das Zeug zum Fußballprofi habe. Dass er davon träumt, in Actionfilmen aufzutreten, und am liebsten Chicken Nuggets isst. Es war Teil der Inszenierung, sich niemals anmerken zu lassen, dass er nichts dem Zufall überlässt und im Training wie ein Berserker um jede Hunderstel kämpft. Schon als Jugendlicher hat er verinnerlicht, dass Sport ein Unterhaltungsgeschäft ist. Es geht niemanden etwas an, dass er seit seiner Jugend unter Skoliose leidet, einem verdrehten Rückgrat, das er in regelmäßigen Check-ups bei Dr. Müller-Wohlfahrt behandeln lässt. Die Fassade des coolen Übermenschen bröckelt nur, wenn Journalisten ihn mit dem latenten Dopingverdacht konfrontieren. Fast jeder Weltklasssesprinter, mit dem Bolt über die Jahre zu tun hatte – Tyson Gay, Justin Gatlin, Yohan Blake, Asafa Powell –, wurde irgendwann des Gebrauchs verbotener Mittel überführt. Bolt nie. Und doch lag über jedem seiner Fabelrekorde der unsichtbare Schleier des Betrugs. Weil sich unter konventionellen Maßstäben schwer erklären ließ, was er auf der Bahn vollbrachte. Entsprechend verschnupft reagiert er, wenn er wieder mal zu Dopinggerüchten befragt wird.
Dabei verfügt Bolt über eine Anatomie, die ihm Vorteile gegenüber der Konkurrenz verschafft. Das Tempo beim Sprint ergibt sich aus der Schrittlänge und der Schrittfrequenz. Trotz einer Körpergröße von 1,95 Metern sind seine Unter- und Oberschenkel so proportioniert, dass sie ihm eine ideale Hebelwirkung ermöglichen, sodass er einerseits weniger Kraft aufwenden muss, um schnell zu sein, und er andererseits bei jedem Schritt etwa zehn Zentimeter gutmacht. Das Ergebnis: Bolt braucht für einen 100-Meter-Lauf gerade mal 41 Schritte. Zudem ist er wegen seiner Muskelbeschaffenheit in der Lage, länger zu beschleunigen als seine Gegner. Beim Rekordlauf 2009 erreichte sein Widersacher Tyson Gay, bei der 50-Meter-Marke seinen Top-Speed und hielt dann das Tempo. Bolt hingegen gelang es durch verzögerte Muskelanspannung auch bei 60 Metern noch, an der Geschwindigkeit zu schrauben und bei 80 Metern 44,72 km/h zu erreichen. Nie zuvor – und auch nie mehr danach – ist ein Mensch schneller gelaufen. Auch er selbst nicht, obwohl er damals vollmundig erklärte: „Ich glaube, die Weltrekorde sind bei 9,4 Sekunden zu Ende.“
Kein Wunder, dass Björn Gulden, Vorstandschef von Puma, sagt: „Usain ist die beste Investition, die wir je getätigt haben.“ Bolt steht bei dem Sportartikler seit seinem 15. Lebensjahr unter Vertrag. Gerüchten zufolge sollen die Herzogenauracher ihrem prominenten Markenbotschafter jährlich 10 Millionen Euro überweisen. Und für jede Medaille, jeden Rekord, jeden Titel kommen Prämien obendrauf. Zu seinen erfolgreichsten Zeiten soll Bolt rund 50 Millionen Euro im Jahr verdient haben. Neunmal hat er in seiner Laufbahn Weltrekorde verbessert. Neun olympische Goldmedaillen hat er gewonnen. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht und er bei der WM in London noch einmal drei Titel abräumt, kann er im schnelllebigen Sprintergeschäft auf epochale 14 Weltmeisterschaften zurückblicken. „Ich möchte mich“, sagt er, „mit einem lauten Knall verabschieden.“

Auch für die Zeit nach dem Karriereende hat Puma sich die Zusammenarbeit mit ihm gesichert. Der Sprinter soll eine eigene Kollektion bekommen. Als graziler Hobby-DJ, Lebemann und Instant-Superheld eignet er sich nicht nur für Sportklamotten, Bolt lässt auch Fantasie für jedwede andere Form von Produkt. Puma will herausfinden, ob es möglich ist, mit seinem Namen ähnlich viel Geld zu machen, wie es Nike mit Basketball-Legende Michael Jordan gelingt.
Bolts Legendenstatus kann nur er selbst noch etwas anhaben – und der Europäische Leichtathletikverband. Der will nämlich das Image seiner in Verruf geratenen Sportart aufpolieren, indem er ab 2018 nur noch Rekorde anerkennt, wenn ein Athlet eine gewisse Anzahl an Dopingproben nachweist. Zudem müssen alle Dopingproben zehn Jahre lang für Nachtests aufbewahrt werden. Wird ein Athlet später des Dopings überführt, werden seine Bestzeiten eliminiert. Das Problem: Die Regelung soll rückwirkend gelten, und auch alle früheren Bestzeiten, die nicht unter diesen Voraussetzungen erzielt wurden, gestrichen werden. Folglich würden auch die Fabelweltrekorde von Usain Bolt aus den Listen verschwinden. Aktuell wird heftig gestritten, ob diese Tabula-rasa-Regelung zulässig ist. Schließlich wären zahlreiche Athleten betroffen, denen bislang kein Dopingvergehen nachgewiesen werden konnte.
Es kann also passieren, dass nicht nur sein Laufsteg aus dem Herzen des Olympiastadions, sondern am Ende auch Usain Bolts Bestleistungen aus den Verzeichnissen verschwinden. Aus der Erinnerung der Menschen, die ihn als Sportler erlebt haben, aber lässt er sich nicht tilgen. Und eine Zahl wird auch in Zukunft stets mit seinem Namen verbunden bleiben: 9,58.

Die komplette Geschichte über Usain Bolts letzten Auftritt  – jetzt am Kiosk in Ausgabe#5 von NoSports.