marcel_kittel

Der König der Sprinter

Vor drei Jahren gewann Marcel Kittel schon einmal eine Etappe bei der Tour de France, nun gelang ihm das Kunststück erneut. Für seine Premierenausgabe begleitete NoSports den deutschen Top-Sprinter vor gut einem Jahr. Ein Tag mit den härtesten Waden der Nation

Man erkennt ihn schon von Weitem, wie er im Hotelfoyer wartet, im Crowne Plaza in Antwerpen, irgendwo in der Peripherie der Stadt. Sportler kommen aus dem Aufzug, schlendern durch die Lobby, er sticht heraus. Er ist groß, athletisch und wirklich so blond wie auf den Fotos. Ein Typ wie Felix Brummer, der Sänger von Kraftklub. Ja, so würde sich Hollywood einen deutschen Sporthelden vorstellen. Die Frisur, vorne wie bei Tim von „Tim & Struppi“, und dazu diese blauen Augen. Sie nennen ihn Dolph Lundgren.

Marcel Kittel, 28, ist nicht nur der blondeste Sprinter im modernen Profiradsport, sondern meistens auch der schnellste im Peloton, wie das Fahrerfeld in Fachkreisen genannt wird. Er ist es wieder, muss man sagen. 2015 war sein schwächstes Jahr. Früh in der Saison erkrankte er an einem Virus, schaffte nicht mehr den Anschluss. Sprinter brauchen die Praxis auf der Straße, anders lässt sich der Ernstfall nicht trainieren. Doch jetzt ist er zurück in der Weltspitze. Die Zeiten für deutsche Fahrer sind wieder gut. Die ARD überträgt die Tour de France, im nächsten Jahr wird sie in Düsseldorf starten.
Als er in der vergangenen Saison nicht einmal für die Tour nominiert wurde, hat er seine alten Freunde in Erfurt besucht, ist mit ihnen gefahren. Es war wie früher, als sie das Sportgymnasium besuchten. Hinterher, im Winter, hat er die Mannschaft gewechselt, was immer ein Wagnis ist. Er hat sich für das Team seines Freundes Tony Martin entschieden, ist dort jetzt der Sprintkapitän. Über ihm steht nur Tom Boonen, der belgische Champion. Und er wohnt neuerdings in Girona, einer kleinen Stadt im Nordosten Spaniens, die sich zuletzt zum Winterquartier des Weltradsports entwickelt hat. 40 bis 50 Radprofis leben inzwischen dort, auch der Triathlet Jan Frodeno. Kittel sagt: „Auf den Straßen ist wenig Verkehr, man hat die Costa Brava, hohe Berge und flache Strecken. Du hast also alles, was du brauchst – und natürlich gutes Wetter.“

Sein tägliches Trainingsritual zwischen Winter und Frühling: rausfahren zum See, dort einen Café trinken und zurück. Fünf Stunden im Sattel werden es eigentlich immer, an einem „Ruhetag“, montags nach einem Rennen, reichen auch mal drei.
Er hat zuletzt mehr trainiert als vor jeder anderen Saison, um sich der neuen Mannschaft von seiner besten Seite zu zeigen, sagt er. Es ist seine sechste im Profigeschäft. Den Winter über war er in Spanien, rennradelte in Dubai und Portugal, und jetzt ist er hier, in Antwerpen, der größten Stadt Flanderns. Es ist eine ganz andere Welt. Die belgischen Tageszeitungen berichten täglich auf mehreren Seiten über Profiradsport. Wenn die Karawane in die Stadt kommt, dann werden große Interviews geführt. Die Gazet van Antwerpen hat sich Kittel ausgesucht, dazu gibt’s ein Foto in Jubelpose. Er hat den Scheldeprijs 2012, 2013 und 2014 gewonnen und gehört auch in diesem Jahr wieder zu den Favoriten. Wer in Deutschland kein ausgewiesener Radsport-Ultra ist, sieht die deutschen Spezialisten ja oft erst bei der Tour de France, die am 2. Juli in der Normandie startet. Dass sich diese Fahrer im Frühjahr über Kopfsteinpflaster und durch Dauerregen quälen, um den Sprint durchzustehen und auf der Zielgeraden ganz vorne zu sein, entgeht vielen. Die Wahrheit aber liegt in den Frühjahrsklassikern in Flandern, gerade auch für die Sprinter. Hier holen sie sich ihr Selbstvertrauen und den Respekt der Kollegen, auch für die Tour.
Am nächsten Morgen startet der große Tagesklassiker über 208 Kilometer. Der Scheldeprijs gilt als die inoffizielle WM der Sprinter. Kittel ist Mitglied des Teams Etixx-Quick-Step, er fährt also jetzt für belgische Energieriegel und Fußbodenbeläge. Jeder Techniker, der für die Profis arbeitet, hat früher als kleiner Junge bekannte Fahrradfahrer über seinem Bett hängen gehabt, nicht Fußballspieler wie in Deutschland. Für die Mitarbeiter zählen die Tage zwischen Flandern-Rundfahrt, Scheldeprijs und Paris–Roubaix ebenso viel wie die Tour. Kittel sagt: „Für Etixx-Quick-Step, für die Belgier, ist das die heilige Woche.“
Die Atmosphäre in Antwerpen changiert irgendwo zwischen Volksfest und Marathon. Wenn die Teams mit ihren Bussen und Begleitwagen neben dem Hafenbecken einrollen, ein streng choreografiertes Massenparken, kann man den Blick nicht abwenden vom hellblauen Team Astana. Die Equipe wird vom Regime in Kasachstan finanziert. Ex-Profi Alexander Winokurow ist Teamchef, ein überführter Dopingsünder. Auch Kittel wird in jedem Interview zu diesem Thema befragt. Wenn man bei Profiradrennen startet, sieht die Öffentlichkeit in jedem Fahrer einen potenziellen Täter, egal wie weiß die Weste ist.
Kittel stellt sich den nervigen Doping-Fragen. Selten platzt es aus ihm heraus. Zu einem Journalisten hat er mal gesagt: „Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber ich finde die Frage schon unverschämt.“ Der deutsche Reporter hatte ihn gefragt: „Was sind Ihre favorisierten Substanzen?“ Es war ein Interview, in dem Kittel ansonsten geduldig auf jede noch so spezielle Fachfrage antwortete. Er muss halt ausbaden, was Jan Ullrich und Erik Zabel ihm eingebrockt haben.
Längst hat er bei allen drei großen Rundfahrten bereits Tagessiege geholt, bei der Vuelta, beim Giro und bei der Tour. Insgesamt hat er in Frankreich acht Etappen gewonnen, zweimal sogar auf den Champs-Élysées, prestigeträchtiger geht es nicht. „Ein geiles Gefühl“, sagt Marcel Kittel, wenn man ihn auf die letzten Kilometer in Paris anspricht. Er ist überzeugt, dass es in diesem Sport vor allem auf die richtige DNA ankommt. Sein Vater war schon Radrennfahrer, auch ein Sprinter. Er hat ihn den richtigen Umgang mit dem Fahrrad gelehrt. Seine Mutter war Hochspringerin.

Wenn er es für notwendig hält, verbreitet er seine Meinung über Facebook und Twitter. Gerade hat er wieder mal für Schlagzeilen gesorgt, weil er sich zu einem tragischen Todesfall ­geäußert hat. Beim Klassiker Gent–Wevelgem kollidierte Sprinter Antoine Demoitié derart heftig mit einem Motorrad aus dem Begleittross, dass er wenig später im Krankenhaus starb. Kittel schrieb einen kritischen Kommentar auf Englisch, veröffentlichte ihn auf seiner Facebook-Seite und stieß eine
Diskussion an. Seine Meinung wird gehört im Fahrerfeld. Was alle über ihn sagen: Er ist nicht nur schnell mit den Beinen, sondern auch intelligent.
Dass sein Sport gefährlicher geworden ist, hat weniger damit zu tun, dass etwa die Motorradfahrer schlechter navigieren, sondern dass sich die Straßen verändert haben. Es gibt bei den Überlandfahrten immer mehr Verkehrsinseln. Die Hindernisse bedeuten eine erhöhte Gefahr für das Fahrerfeld. Zudem versuchen immer mehr Veranstalter, spektakuläre Zielbilder für das Fernsehen zu inszenieren. Kittel sagt: „Wenn man Radfahren erlernt, weiß man, dass man hinfallen kann. Das ist ein Teil unseres Sports. Faktoren wie Streckenführung oder Begleitfahrzeuge muss man versuchen zu minimieren. Das ist das wichtigste Thema, das der Radsport gerade hat und angehen muss.“
Die Hubschrauber des belgischen Fernsehens kreisen jetzt über Antwerpen. Eben wurde Kittel auf einer Bühne neben dem Museum aan de Stroom interviewt, dem rötlichen Sandsteinbau im angesagten Hafenviertel. Jetzt läuft der Countdown zum Start. Tom Boonen, sein Teamkapitän, gibt noch letzte Interviews, bevor er den anderen hinterherfährt.

Wenn man Marcel Kittel nach seinem größten Erlebnis fragt, erzählt er vom vogelwilden Tour-Auftakt 2014. Damals gastierte die Tour de France drei Tage lang in England. Die Menschen an der Strecke wirkten so aufgekratzt, als wären sie auf einer House-Party ihres Landsmanns Fatboy Slim hängen geblieben. „Es war wie in einem Stadion“, sagt Kittel. „Es gab nach der ersten Etappe eine Helikopteransicht vom Start – und da denkt man, da ist irgendein Open-Air-Festival. Man hat nicht mal einen Platz zum Pinkeln an der Strecke gefunden.“
Für viele Fahrer war es die grenzwertigste Erfahrung ihrer Profilaufbahn. Die englischen Zuschauer seien eben nicht sonderlich erfahren gewesen, sagt Kittel. So standen sie arglos mitten auf der Straße, und dann kam das Feld mit 200 Mann angefahren.
Oder sie machten Selfies mit dem Rücken zum Peloton. Kittel sagt: „Es sind ständig irgendwelche Handys durchs Feld geflogen. Rennfahrer haben Zuschauern die Mobiltelefone aus der Hand geschlagen oder sie mit der Schulter berührt.“
Doch Wahnsinn war die Tour schon immer. Hans Blickensdörfer, der Doyen des deutschen Sportjournalismus, hat 1979 ein gewaltiges Buch über die Frankreich-Rundfahrt veröffentlicht. Er schrieb: „Sie ist das unsterbliche Sommerdrama, das sich die Franzosen nicht nehmen lassen und das die Frage nach der Grenze zwischen Begeisterung und dem morbiden Schauspiel der Strapaze aufwirft, welches dem Passiven ein prickelndes Gefühl des Wohlbehagens verschafft.“ Kittel hat das Drama schon mehrfach überlebt, aber es haben in Deutschland nicht so viele mitbekommen. 2013 gewann er vier Etappen – in Bastia, Saint-Malo, Tours und Paris. Als er auf den Champs-Élysées den Sprint anzog, stieg er endgültig auf in die Beletage. Es war der Tag, als ihn auch die internationale Fachpresse zu „Dolph Lundgren“ kürte.

2014 ist Kittel tatsächlich zum Filmstar geworden. In der großartigen Tour-Doku „Nieuwe Helden“ kam der niederländische Regisseur Dirk Jan Roeleven den Sportlern so nahe wie vermutlich niemand zuvor. Der deutsche Sprinter John Degenkolb kriegt in dem Film einen Liebesbrief von seiner Frau, der Brite Marc Cavendish wird beschuldigt, einen Sturz verschuldet zu haben, und Marcel Kittel steht nackt unter der Dusche. Er sagt: „Die Kamera-Crew war ständig bei uns, die konnten überall rein. Im Bus ist es dann schon mal etwas eng geworden, anstrengend, wenn du drei Wochen unterwegs bist, da liegen ein bisschen die Nerven blank.“
Kittel qualifizierte sich im Laufe der Dreharbeiten für die Hauptrolle – sympathisch, charismatisch, ein natürlicher Leader. Gezeigt werden junge Profis, die gemeinsam entscheiden, wie sie ihren kaputten, in Verruf geratenen Sport in Zukunft betreiben wollen. Ein Ergebnis: die No-Needle-Policy. Keine Spritzen mehr, nicht mal die an sich harmlosen Vitaminspritzen.
Es gibt in dem Film eine Szene, in der Kittel dazu geraten wird, Koffeintabletten zu schlucken. Kittel lehnt die ärztliche Empfehlung jedoch ab. Mehr als Energieriegel vom Teamsponsor und Vitamine in Tablettenform brauche er nicht – und die aus ganz praktischen Gründen. „So viel Obst, wie du nach einer Regenetappe essen musst, kriegst du gar nicht runter“, sagt er. In Deutschland ist die DVD übrigens nicht in der Übersetzung „Neue Helden“ auf den Markt gekommen, sondern unter dem englischen Titel: „Clean Spirit“. Nirgendwo ist das Image als „rollende Apotheke“ so präsent wie hierzulande.
Im Ausland wird die Renaissance des deutschen Radsports, so scheint es, viel stärker wahrgenommen als bei uns. Marcel Kittel, André Greipel und Tony Martin reihen bravouröse Auftritte aneinander. Wilfried Peeters ist sportlicher Leiter von Kittels Team, ein belgischer Ex-Profi. Sein Eindruck von Deutschland? „Vor fünf, sechs Jahren haben alle Radfahren gehasst, das ändert sich gerade.“ Peeters fügt dem Bild vom neuen deutschen Radwunder eine Spitze hinzu. Er glaubt, dass die Fahrer, die aus dem Osten kommen, also Kittel oder Martin, ein bisschen anders ticken. Peeters sagt, sie seien härter zu sich selbst.
Bei der diesjährigen Rundfahrt ist Kittel wieder der Sprinter, den die anderen schlagen müssen. Die Tour sei hektischer als andere Radrennen und auch ein Beispiel dafür, dass viele Stürze durch die Radfahrer selbst verschuldet werden. Kittel: „Es wird auf Millimeter aneinandergefahren, und dann knallt es eben auch mal. Jeder will vorne sein, um den Sieg mitmischen.“ Es gebe kein Radrennen, das einem in jeder Disziplin so viel abverlange wie die Tour. „Wenn du nicht sterben willst, musst du auf alles vorbereitet sein“, sagt er.  Und: „Wenn dort 20 Sprinter um den Etappensieg mitfahren, ist es klar, dass es irgendwann scheppert. Da regen sich Rennfahrer auch nicht drüber auf, das passiert halt.“

Kittels beste Waffe ist, dass er den Sprint über eine so lange Distanz durchstehen kann. Er kann das wie kein anderer im Feld. Auch beim Scheldeprijs läuft es gut für den Mann mit den härtesten Waden der Nation. Nach knapp fünf Stunden kommt er ins Ziel – als Erster, kaum mehr als eine Reifenbreite vor dem Zweiten. Zum vierten Mal gewinnt Kittel an diesem Tag den Flandern-Klassiker. Das hat vor ihm noch niemand geschafft, und das Traditionsrennen existiert seit 1907.
Er ist jetzt wieder zuverlässig wie ein Uhrwerk. Ein paar Wochen später, beim Giro d’Italia, gewinnt er zwei Sprintankünfte. Die Gazzetta dello Sport zeigt ihn auf dem Cover. Schlagzeile: „Kittel-Bis: In Italia in Rosa“. Er hat die Krise endgültig gemeistert, weil er ruhig geblieben ist. Vor ihm liegen die beiden wichtigsten Frankreich-Rundfahrten seiner Karriere. Er kann sich in Deutschland einen Ruf aufbauen, von dem er die nächsten Jahrzehnte leben könnte.
Wenn es jetzt mit 28, 29 nichts mehr wird, auch nicht schlimm. Dann ist es eben sein Schicksal, über flandrischen Kinderbetten zu hängen. Es gibt doch wahrlich Schlechteres. Und er wäre nicht der erste deutsche Radprofi, der nach seiner Karriere in Flandern hängen bleibt.

Text: Thorsten Schaar              Foto: Frederik Buyckx

Viele weitere interessante, überraschende Dinge über Marcel Kittel erfahrt ihr in „NoSports“. Hier bestellen!