Germany's Simon Geschke rides in a breakaway during the 161 km seventeenth stage of the 102nd edition of the Tour de France cycling race on July 22, 2015, between Digne-les-Bains and Pra Loup, southeastern France.  AFP PHOTO / ERIC FEFERBERG        (Photo credit should read ERIC FEFERBERG/AFP/Getty Images)

„In neue Schmerzbereiche vorstoßen“

Simon Geschke ist einer der besten deutschen Radrennfahrer. Chancen auf den Gesamtsieg bei der Tour de France hat er nicht, doch er freut sich wie verrückt auf das Frankreich-Abenteuer. Ein Auszug aus dem großen Interview in der neuen Ausgabe von NoSports

Interview: Tim Jürgens

Simon Geschke, was muss ein Fahrer mitbringen, der bei der Tour de France an den Start geht?
Neben einer robusten Physis vor allem mentale Stärke. Ich bin der Ansicht, dass der menschliche Körper eigentlich nicht dafür geschaffen ist, drei Wochen lang jeden Tag ein Rennen zu fahren. Nach hinten raus geht es an die Substanz. Und wenn ein Fahrer nicht zumindest gewisse Kletterfähigkeiten mitbringt, kommt er nicht über die Berge.

Bei der Tour werden Sie eher ihrem Kapitän als Helfer zur Seite stehen. Fällt es Ihnen leicht, sich mit der Wasserträger-Rolle abzufinden? Als Fahrertyp ohne außergewöhnliche Qualitäten am Berg oder in Einzelzeitfahren komme ich nun mal nicht für den Gesamtsieg in Frage. Es ist schlicht unrealistisch, dass ich in die Top Ten fahre und mit 31 Jahren wird sich daran auch nichts mehr ändern. Aber das heißt nicht, dass ich nicht in Einzeletappen glänzen kann.

Im Jahr 2015 gewannen Sie die 17. Tour-Etappe von Digne Les Bains nach Pra Loup, obwohl Sie kein ausgewiesener Bergfahrer sind. In der dritten Tourwoche verlaufen die Rennen meist anders, weil die hinteren Plätze oft schon mehr als eine Stunde in der Gesamtwertung zurückliegen. Damals wollte das führende Team nur noch das Gelbe Trikot verteidigen. Die interessierten sich gar nicht dafür, dass plötzlich 20 Mann abgingen.

Und Sie sagten Ihrem Kapitän: „Kann ich da mal mit?“ Ich war am Tag zuvor bereits Vierter geworden und fühlte mich blendend. Also fuhr ich zu Kapitän Warren Barguil und fragte, ob er noch Unterstützung brauche. Für ein Team ist es nicht unwichtig, auch mal eine Etappe zu gewinnen. Aber Warren durfte auch nicht aus der Top Ten rausfallen. Von unserem Team war schon John Degenkolb in der Ausreißergruppe, der am Berg bekanntlich nicht der Stärkste ist. Also ließ mich Warren ziehen.

Verändert sich die Wahrnehmung eines Helfers, wenn er eine Tour-Etappe gewonnen hat? Definitiv. Am nächsten Tag gab es sehr viele Glückwünsch. Bis zum Champs Elysée habe ich gemerkt, dass mich viele Fahrer nun mit anderen Augen sehen.

Sie schreiben regelmäßig Tour-Tagebuch. Nach der 15. Etappe im vergangenen Jahr notierten Sie: „Am Grand Colombier ist dann alles explodiert. Da war das Finale eröffnet, das hat auch echt wehgetan.“ Lassen sich diese Schmerzen beschreiben? Menschen, die nicht professionell Rad fahren, können sich das vermutlich nicht vorstellen. Ein untrainierter Fahrer, der so lange radelt, bis es nicht mehr geht, ist am Ende aus der Puste, aber diese Art von Schmerz wird er nicht empfinden. Das liegt auch an der Größe des Herzen, am Lakatwert, kurz: an der außergewöhnlichen Belastung, die dieses Brennen in den Beinmuskeln auslösen, dieses extreme Gefühl im gesamten Körper. Ich fahre seit 15 Jahren jeden Tag, um überhaupt in diese Schmerzbereiche vorzustoßen.

In welchen Momenten können Sie die Tour de France genießen? Ständig. Wir fahren durch viele malerische Landstriche,  da wäre es ja schlimm, wenn ich nur aufs Hinterrad des Vordermanns starren würde.

Bleibt auch mal Zeit für Smalltalk mit dem Nebenmann, wenn Sie im Flachen durch die Weizenfelder der Bretagne fahren? Mehr als genug. Die längeren Sprintetappen verlaufen fast immer nach einem ähnlichen Drehbuch: Am Anfang reißt eine kleine Gruppe aus. Die sind dann eine Zeitlang weg, bis irgendwann die Sprinter nachsetzen und das Rennen dann bis vier, fünf Kilometer vor dem Ende kontrollieren. Erst ganz am Ende wird dann wieder schneller gefahren. In der Zwischenzeit sind wir in recht entspanntem Tempo unterwegs – 40 km/h im Flachen tun uns ja nicht weh – und bei einem Puls von knapp 100 bleiben mitunter Stunden, um mit dem Nebenmann zu plaudern.

Wie müssen wir uns das vorstellen? John Degenkolb fährt vorbei: „Hallo Simon, lang nicht gesehen.“ Dann plaudern Sie über alte Zeiten, bis einer sagt: „Es geht aufs Ziel zu, ich muss dann mal“? So ähnlich. Jedenfalls freue ich mich, wenn ich ehemalige Kollegen wiedersehe oder einen Fahrer treffe, den ich lang nicht gesprochen habe. Aber so ist es weiß Gott nicht jeden Tag. Es gibt auch hochtourige Etappen, die so anstrengend sind, dass kein Wort fällt.

Ist es ein Vorteil für Sie, dass die Tour in Düsseldorf beginnt? Es ist schön, zu erleben, dass die Tour in meinem Heimatland startet. Aber viel mehr freue ich mich, dass die ARD seit 2009 das erste Mal wieder überträgt und dadurch das Interesse deutlich ansteigt. Wissen Sie, ich hatte das Pech, in einer Zeit aktiv zu sein, in der wir Fahrer durch die Dopingberichterstattung lange ignoriert wurden. Natürlich bin ich froh, nicht in der Jan-Ullrich-Ära Profi geworden zu sein, weil jeder weiß, was in dieser Zeit gang und gäbe war. Ich bin froh, eine saubere Karriere zu haben, aber vom Image her war meine Laufbahn lange negativ  beeinträchtigt. Insofern freue ich mich, dass nun wieder der Fokus auf dem Radsport liegt.

Simon Geschke, was können Sie bei der Tour de France 2017 erreichen? Wenn ich jeden Tag am Anschlag fahre, lande ich am Ende vielleicht auf Platz 30. Aber Teamorder ist, dass wir unseren Kapitän in eine gute Ausgangsposition bringen, ich kann also nicht tun und lassen, was ich will. Ist aber kein Problem, weil der 30. Platz am Ende sowieso keinen interessiert. Da werde ich lieber 60ster, fahre bei der ein oder anderen Etappe vorn mit und erfülle treu meine Helferaufgaben.

Das komplette Interview mit Simon Geschke und vieles mehr über die Tour de France 2017, jetzt in der neuen Ausgabe von NoSports.