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„Einer hat mit dem Scheiß angefangen, alle müssen mitmachen“

Frank Stäbler hat als erster Deutscher in zwei Gewichtsklassen den WM-Titel gewonnen. NoSports sprach mit dem Ringer-Weltmeister von 2015 und 2017 über Hungerstrapazen, den Traum von Olympia-Gold und die Lächerlichkeit des Wrestlings

Interview: Tim Jürgens

Frank Stäbler, wie laufen die letzten Vorbereitungen ab, bevor Sie bei einem großen Wettkampf antreten? Drei Tage vorher wiege ich noch rund 75 Kilo. Dann drücke ich in gut 60 Stunden vier Kilo runter, so dass ich beim Wiegen am Vorabend des Wettkampfs exakt mit 71,0 Kilo auf die Waage steige.

Sie wurden 2015 Weltmeister in der Klasse bis 66 Kilo. Bei der WM 2017 gingen Sie in der Klasse bis 71 Kilo an den Start. Weil das strapaziöse Abnehmen ein Ende haben musste. In kürzester Zeit neun Kilo runterzuhungern, ist nicht gerade förderlich, wenn ich mein volles Leistungsvermögen abrufen will. Die Aktionen haben mein Immunsystem enorm belastet.

Wie ist es möglich, dass Ringer in Rekordzeit etliche Kilo abnehmen? Wenn man nur das Allernötigste isst, dazu dick eingepackt trainiert und viel schwitzt, geht das. Wenn das Wiegen gelaufen ist, stocken Ringer gleich wieder auf. Bis zum Wettkampf trinke ich zehn Liter Wasser, die mein dehydrierter Körper aufsaugt wie ein Schwamm und abspeichert. In Verbindung mit mineralienhaltigen Riegeln kriege ich so bis Wettkampfbeginn schnell wieder etliche Kilo drauf.

Aus medizinischer Perspektive ein höchst fragwürdiges Unterfangen. Zu dehydrieren, ist zweifelsfrei nicht gut für den Körper, aber ich sage immer: Irgendeiner hat mit dem Scheiß angefangen und alle müssen mitmachen. Denn gegen einen Ringer, der fünf Kilo mehr wiegt, hat keiner eine Chance.

Ihr Trainer Andreas Stäbler hat mal gesagt: „Der Hunger bringt Frank erst in Kampfesstimmung.“ Was meint er damit? Wer schnell an Gewicht verliert, taucht in einen Tunnel ab, er denkt nur noch übers Abnehmen und den Verzicht nach. Man ist total darauf fixiert und gelangt so in Fightmodus.

Weil Menschen, die hungern, latent aggressiv sind? (Lacht.) So kann man’s sehen. Wer ein Loch im Bauch hat, wird dünnhäutiger, das weiß jeder. Wenn ich das in Extremform betreibe, weiß mein Umfeld, dass ich mit Vorsicht zu genießen bin. Zum Glück ist meine Familie sehr tolerant.

Wie müssen wir uns die letzten Minuten vor einem Kampf vorstellen? Totale Fokussierung. Ich gehe noch einmal alle Bewegungsabläufe durch. Mache mir bewusst, ob ich alles dafür getan habe, zu gewinnen. Dann ist es mir am Ende fast egal, wie der Kampf ausgeht, denn ich kann selbstbewusst in die Halle marschieren.

Schon mal erlebt, dass Sie trotz optimaler Vorbereitung keine Chance hatten? Zum Glück nicht oft. Bei Olympia 2012 musste ich im ersten Kampf gegen Tamás Lőrincz antreten. Ich war so aufgeregt, mein erstes Mal bei Olympia, um mich herum war der Teufel los, dass mein Kopf blockierte. Da hätte ich stundenlang kämpfen können, ich hätte keinen Punkt gemacht.

Wie verhindert man solche Blackouts? Seitdem arbeite ich daran, dass so was nicht mehr passiert. Inzwischen stelle ich fest, dass mich der Trubel sogar pusht. Wenn mich das Publikum ausbuht, denke ich: „Euch zeig ich’s!“

Ein Ringkampf teilt sich in zwei dreiminütige Abschnitte mit einer halben Minute Pause. Wie extrem ist die Belastung? Manche lachen: „Ihr kämpft ja nur sechs Minuten.“ Da sage ich: „Mach mal sechs Minute pausenlos Klimmzüge, dann weißt du, wie anstrengend das ist!“ Mein Puls geht in der Phase bis auf 200 hoch. Ich verliere allein in den täglichen Trainingseinheiten bis zu 6000 Kalorien.

Sie sind inzwischen 28. Merken Sie, wie die Intensität des Sports an Ihrem Körper nagt? Ich trainiere zehn Mal die Woche, das sind sehr viele Kämpfe, da ist die Belastung enorm und Verletzungen gehören dazu. Ich habe mir Ende Juni das Innenband gerissen, weil ich manchmal zu viel will.

Wie meinen Sie das? Wenn man, wie ich, schon Welt- und Europameister war, ist es nicht leicht, sich für neue Ziele zu motivieren. Dagegen arbeite ich an. Es passierte an meinem Geburtstag, nach der kleinen Feier wollte ich am Abend unbedingt noch mein Trainingsprogramm durchziehen. Das war zu viel. Ich gebe zu, ich muss lernen, mein Training cleverer zu steuern.

Und dann fahren Sie nach Polen und gewinnen mit gerissenem Innenband gegen den Weltmeister? Tapen, Schmerzmittel rein und auf die Zähne beißen. Ich muss im Rhythmus bleiben, schließlich habe ich einen Traum.

Der da wäre? Der goldene Hattrick: Nach dem EM-Titel 2012 und der Weltmeisterschaft 2015 fehlt mir noch die olympische Gold-Medaille. Schon jetzt ist mein Leben, jeder Wettkampf komplett auf Tokio 2020 ausgerichtet.

Wie lässt sich ein Wettkampf planen, der in drei Jahren stattfindet? Indem ich versuche, konstant mein Leistungslevel zu halten und zu steigern. Auf dem Weg dahin sind EM und WM kleine Meilensteine.Vor Olympia 2016 in Rio verletzten Sie sich. In der letzten Aktion in der allerletzten Trainingseinheit.

Sie hatten einen Innenband- und Syndesmosebandriss. Dieselbe Verletzung, nach der Fußballprofi Marco Reus wochenlang pausierte. Sie aber traten in Rio an. Ich hatte jahrelang darauf hingearbeitet und sollte aufgeben? Das konnte ich nicht.

Ihre Verletzung gaben Sie aber erst bekannt, nachdem Sie bei Olympia im Viertelfinale ausgeschieden waren. Hätte ich es vorher getan, hätte es meine Chancen minimiert.

Weil die Gegner es sich zunutze gemacht hätten? Bei Olympia und der WM hört die Fairness auf. Da wird ohne Rücksicht auf Verluste gekämpft.
Sie haben einen enormen Ehrgeiz. Ist der Wille der entscheidende Faktor, um ein Weltklasseringer zu werden? Natürlich brauche ich in der Weltspitze eine gute Kondition und Physis sowie eine herausragende Technik. Aber über diese Attribute verfügen alle in der Top 50 auf demselben Niveau. Den Unterschied macht der Kopf. Einen Ringkampf gewinnt der, der es mehr will.

Gibt es territoriale Spezifika, was den Stil anbetrifft? Schon. Iraner sind bekannt für ihre Härte, die knüppeln Gegner mit Kondition und ohne viel Technik nieder. Die Russen sind Weltklassetechniker, weil ihnen das von Kindesbeinen antrainert wird. Asiaten sind sehr gelenkig und schnell auf den Beinen. Und die Amis sind viel besser im Freistil als bei Griechisch-Römisch.

Wilfried Dietrich, der „Kran von Schifferstadt“, war in beiden Stilen erfolgreich. Ringen hat sich seit seiner Zeit sehr verändert. Es ist viel defensiver, mehr auf Verteidigungsaktionen ausgelegt. Dietrich hätte gegen heutige Ringer vermutlich keine Chance. Ich habe bis ins Alter von 14 Jahren beide Stile gerungen, aber im Freistil würde ich heute allenfalls noch Regionalliganiveau erreichen.

Beim Freistil werden auch unter der Gürtellinie, sprich: mit den Beinen, Angriffe gefahren. Ja, das setzt ein Umdenken voraus, aber das größte Problem für mich ist die Beweglichkeit. Im griechisch-römischen Stil geht es mehr um die ausgeprägte Physis als um Beweglichkeit.

Frank Stäbler, ist die Popularität des „Wrestling“ für Ihre Sportart ein Problem? Ein Riesenproblem. Wenn ich in den USA bin und sage, ich sei „Wrestler“, sind die Leute oft irritiert, wenn sie hören, dass ich „Olympic Wrestling“ mache, einen echten Sport  – und keine Show. Viele denken, was da läuft, sei echt.

Wilfried Dietrich ist am Ende seiner Laufbahn als „Catcher“ aufgetreten, dem Vorläufer des „Wrestling“. Wäre das für Sie eine Option? Ich bräuchte zwei Stunden, um mir die Techniken einer Wrestling-Show drauf zu schaffen. Die Würfe, das Fallenlassen, das habe ich alles durch mein Training gelernt. Ich habe auch eine Anfrage bekommen, dass ich bei den UFC (Ultimate Fight Championschips) starten könnte.

Aber? Ich habe abgelehnt. Da könnte ich pro Kampf 150 000 Dollar verdienen, dafür müsste ich jahrelang olympisches Ringen machen. Aber im Ringen haben wir einen Ehrenkodex: Wir kämpfen auf höchstem Niveau ohne den Gegner ernsthaft zu verletzen. Fairplay ist sehr wichtig. Im der UFC aber wird selbst auf einen, der am Boden liegt, noch eingetreten. Da kann jeder Kampf der letzte sein – und davon halte ich gar nichts. Und wenn ich so denke, macht es keinen Sinn. Dort brauche ich den Killerinstinkt.

Im Wrestling hingegen nicht. Ja, aber wir als olympische Ringer finden diese Show ehrlich gesagt ein bisschen lächerlich.

Mehr über Ringer-Weltmeister Frank Stäbler – in Ausgabe # 6 von NoSports!