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„Wontorra flogen die Unterlagen weg“

Wie ein Albatros schwebte Michael Groß über die Wasseroberfläche, brach Rekorde am Fließband und prägte das Image des intellektuellen Schwimmers. Das große Karriereinterview mit dem deutschen Jahrhundertathleten aus NoSports #4

Michael Groß, welche Wassertemperatur ist ideal zum Gewinnen? Die Temperatur bei Schwimmwettkämpfen ist vorgeschrieben: 26,5 Grad. Auch der Härtegrad und Salzgehalt muss den Bestimmungen entsprechen.

Das heißt, als Jörg Wontorra Sie bei Olympia 1984 in Los Angeles im 200-Meter-Schmetterling-Finale anfeuerte: „Flieg, Albatros, flieg“, schwammen Sie durch 26,5 Grad kaltes Wasser. Davon können Sie ausgehen.

Ein unvergesslicher Sportmoment … von dem ich erst gar nichts mitbekam. Ich habe erst vier Wochen nach meiner Rückkehr gehört, dass durch „Wontis“ Fernsehkommentar mein Rennen ins kollektive Gedächtnis der Bundesrepublik überging. Dabei war seine Reportage eher aus dem Zufall geboren.

Ach ja? Das Schwimmstadion in Los Angeles lag unweit der Küste. Als abends am Pazifik starker Wind aufkam, sind Wontorra alle Unterlagen weggeflogen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als zu improvisieren. Und wie er halt so ist: Er wurde sehr emotional.

In diesem Rennen mussten Sie sich dem Australier Jonathan Sieben geschlagen geben. Als Sie vier Jahre später in Seoul über 200 Meter Schmetterling Gold holten, sagten Sie: „Das beste Rennen meines Lebens.“ Habe ich gesagt? War es aber nicht. Vielleicht habe ich es damals so gesehen, weil ich drei Monate vor den Spielen einen Bandscheibenvorfall gehabt hatte, die Vorbereitung schlecht gelaufen war, ich kaum trainieren konnte und ich in diesem Lauf alles rausgequetscht habe, was ging. Über 200 Meter Freistil war ich zuvor nur Sechster geworden, dann aber ist es uns gelungen, in wenigen Tagen meine Form noch so zuzuspitzen, dass ich Gold holte. Aber das Rennen war eine reine Flucht nach vorne.

Was war denn das Rennen Ihres Lebens? Bei meinem Olympiasieg über 100 Meter Schmetterling 1984 war nicht nur das Ergebnis ideal, da ist alles perfekt gelaufen: die Atemtechnik, die Wenden, das Frequenzverhalten.

Rückblende: Wie kamen Sie zum Schwimmsport? Durch den ärztlichen Rat, dass ich wegen meines Wachstums in der Pubertät etwas für meinen Rücken tun solle. Und das Element Wasser hat mir auf Anhieb gefallen.

Ab wann war klar, dass Sie als Schwimmer zu Höherem berufen sein würden? Spätestens als ich mit 16 Jahren Teil der Olympiamannschaft wurde.

Wenn es den Olympia-Boykott nicht gegeben hätte, wären Sie bereits 1980 in Moskau gestartet. Stattdessen schwammen Sie kurz nach dem Olympiasieg von Pär Arvidsson bei einem Länderkampf in Kanada die 100 Meter Schmetterling schneller als der Schwede. Was für eine Entwicklung. Die für Schwimmer in dem Alter aber normal ist. Ich war mit 16 Jahren schon zwei Meter groß. Durch die Pubertät baute ich Muskeln auf, nahm sechs Kilo zu und war innerhalb eines Jahres plötzlich drei Sekunden schneller.

Wie sehr traf es Sie, nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan nicht zu Olympia nach Moskau zu reisen? Gar nicht, ich wusste es bereits bei der Quali, dass die Bundesrepublik die Spiele boykottieren würde.

Sie wären dort vermutlich Olympiasieger geworden. Aber ich hatte noch viel Zeit. Schlimm war es für Athleten wie den Schwimmer Klaus Steinbach oder Zehnkämpfer Guido Kratschmer, die auf dem Höhepunkt ihrer Karriere waren und wussten, dass sie danach nie mehr die Chance auf einen Olympiasieg haben würden. Rainer Henkel und ich waren 16, wir waren Teil einer Mannschaft, die anstelle von Olympia für vier Wochen als Staatsgäste nach China reiste, um gegen die Chinesen und Amerikaner drei Schwimm-Meetings abzuhalten. Es wurde ein unvergessliches Abenteuer.

Sie sagten damals: „Es fühlt sich an, als seien wir auf einem fremden Planeten gelandet.“ China hatte sich kurz vorher dem Westen geöffnet, alles war sehr ursprünglich. Das Wasser im Schwimmbad in Guangzhou – damals noch Kanton – war 35 Grad warm. Wer reinsprang, sah die Hand vor Augen nicht. In den Ablaufrillen schwammen Kaulquappen. Aber auf der Tribüne saßen 20 000 Menschen und machten einen Höllenlärm.

Sie galten als eher introvertierter Typ. Spornte Sie die Begeisterung an, oder empfanden Sie es als einschüchternd? Ich mochte das. Ich habe im Training nie die Leistung gebracht, zu der ich im Wettbewerb imstande war.

Auch wenn Sie sahen, dass Ihnen ein Konkurrent auf der Nebenbahn davonschwimmt? Das interessiert einen Schwimmer frühestens nach der Hälfte des Rennens. Wer schon beim Start darüber nachdenkt, was der Gegner macht, wird nie seine Leistung erbringen.

Warum denn? Die Vorlaufschnellsten schwimmen doch in der Regel Bahn an Bahn. Ist richtig, aber ein Schwimmer kann seinen Erfolg in einem Achterfeld doch immer nur zu 12,5 Prozent beeinflussen, die restlichen 87,5 Prozent liegen außerhalb seines Einflussbereichs – sprich auf den anderen Bahnen. Das bedeutete für mich: Ich musste mich im Rennen allein auf meine Leistung konzentrieren.

So ticken Schwimmer? Ja, denn beim Schwimmen geht es zuallererst um den Faktor Zeit. Wenn ich es schaffe, die Zeit zu schwimmen, die ich mir vorgenommen habe, habe ich mein Ziel erreicht. Ist ein anderer schneller, muss ich damit leben. Anders als etwa beim Fußball gibt es im Schwimmen einen Unterschied zwischen Erfolg und Leistung.

Wie meinen Sie das? Beim Kicken können Sie mit Dusel oder weil die anderen unfähig sind, trotz grottenschlechter Leistung ein Spiel gewinnen. Im Schwimmen geht das nicht. Da sind Sie entweder schnell oder nicht – ob die anderen schneller sind, darauf haben Sie keinen Einfluss.

Kam es dennoch vor, dass Ihnen die Nervosität vor einem Rennen einen Strich durch die Rechnung machte? Ich war ein Typ, der unmittelbar vor Rennen auch Small Talk machen konnte, weil ich die eigentliche Konzentrationsphase da schon abgeschlossen hatte. Aber das fanden längst nicht alle gut.

Waren Sie mit gegnerischen Schwimmern befreundet? Matt Biondi war einer der wenigen Amerikaner, mit denen man auch vor Rennen ganz gut reden konnte. Der Kontakt zu den DDR-Sportlern war da deutlich enger.

Mitten im Kalten Krieg? Sagen wir so: Je weiter weg von Mitteleuropa die Wettkämpfe stattfanden, desto mehr hingen wir mit den DDR-Schwimmern zusammen. Denn je länger die Reise war, desto weniger Stasi-Leute kamen mit.

Die Staatssicherheit haben Sie bewusst erlebt? Die erkannte man schon. So ergab es sich, dass wir 1982 bei der WM in Ecuador sogar gemeinsam mit den DDR-Schwimmern trainierten. Bei Olympia 1988 in Seoul hingegen war die Situation ganz anders.

Aber Südkorea war doch auch weit weg.
Stimmt, aber dort startete Jens-Peter Berndt für unser Team, der sich 1985 bei einem Wettkampf in den USA vom DDR-Team abgesetzt hatte. Deshalb teilten wir den DDR-Kollegen über Umwege mit, dass wir ihnen während der Spiele aus dem Weg gehen werden, um weder sie noch Jens-Peter in eine peinliche Situation zu bringen. Seine Teilnahme war eine hochpolitische Sache, in der sogar das Kanzleramt vermittelt hatte. Keine Ahnung, was da an Geldern geflossen ist.

Mit 22 Jahren sagten Sie in einem Interview auf die Frage, wofür Sie meilenweit schwimmen würden: „Meinungsfreiheit. Wenn ich in der DDR leben müsste, würde ich mich darauf vorbereiten, durch die Lübecker Bucht in die Freiheit zu schwimmen – um tun und lassen zu können, was ich will.“ Das waren meine Gedankengänge in dieser Zeit. Aber das basierte natürlich auch auf meiner Wahrnehmung als Westler.

Haben Sie solche Ideen auch mit DDR-Sportlern diskutiert? Nein, das hätte die in große Gefahr gebracht. Aber als Jens-Peter 1985 geflüchtet war, haben wir uns natürlich nach ihm erkundigt. Er hatte sich bei einem Wettkampf in Oklahoma abgesetzt, weil er dachte, dort wäre er in Sicherheit. Aber mit dem DDR-Pass konnte er nur in Westdeutschland einreisen, in den USA war er quasi vogelfrei und musste erst einmal zu einem BRD-Konsulat.

Inwieweit sahen Sie das Schwimmen als Möglichkeit, die Welt kennenzulernen? Natürlich war das ein Teil des Spaßes. Nach der WM in Ecuador 1982 fuhren wir die 450 Kilometer von Guayaquil nach Quito durch die Anden, saßen auf dem Dach des Zuges. Und unten im Waggon hockte Jörg Wontorra und ließ sich beim Pfennig-Skat von den Wasserballern um 400 Mark erleichtern.

Klingt entspannt. Aber wie war es, als Sie als frischgebackener Weltmeister in die Schule kamen? Hat Sie Ihre plötzliche Popularität nicht überfordert? Nein, warum? Ich wurde am Flughafen abgeholt, hatte von der Zugfahrt den Sonnenbrand meines Lebens, wir fuhren in einen Schrebergarten, wo ein Freund eine Party organisiert hatte, und ich war wieder in meinem Umfeld. Und am nächsten Tag ging ich in die Schule – und musste zusehen, den fehlenden Stoff aufzuholen.

Aber parallel mussten Sie nun in Interviews zu politischen Themen, zum Weltfrieden und Atomkraft Stellung beziehen. Die Achtzigerjahre waren nun mal eine politisch bewegte Zeit und Frankfurt ohnehin immer eine linksliberale Stadt, wo viele politische Konflikte ausgetragen wurden. An unserer Schule war es völlig normal, über gesellschaftspolitische Dinge nachzudenken. Und als ich mein Politologie-Studium anfing, war es noch an der Tagesordnung, dass der SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund, d. Red.) Seminare „sprengte“.

Sie engagierten sich für die Initiative „Sportler für den Frieden“, die vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Davon haben wir nichts mitbekommen, aber wir waren es ja gewöhnt, dass die Stasi um uns herumschwirrte.

Wie bekamen Sie Ihr Studium in Einklang mit dem Training? Ich habe nie mehr als 20 Tage im Jahr für Sponsoren- und Medientermine investiert. Den Rest der Zeit bestimmten das Training, die Schule und später das Studium.

Wie hoch war Ihr Trainingsaufwand? Mitten in der Saison kam es vor, dass ich in der Woche etwa 100 Kilometer schwamm und eine ähnliche Strecke joggte. Dazu kamen viele Stunden im Kraftraum.

War das für einen denkenden Charakter wie Sie nicht ungeheuer eintönig? Gar nicht. Es war ja gerade eine Herausforderung, das Training immer wieder neu zu gestalten und andere Übungen zu entwickeln.

Aber zehn Kilometer am Stück zu schwimmen ist doch öde, oder? Gar nicht. Schwimmen ist eine der komplexesten Koordinationssportarten, die es gibt. Die Beinarbeit, die Atemtechnik, die Arme – alles muss in Einklang gebracht werden. Und wer das perfektionieren will, muss das Wassergefühl behalten. Wenn ich zwei Tage nicht ins Wasser kam, war ich gleich zwei Sekunden auf 200 Meter langsamer.

Ab wann in Ihrer aktiven Laufbahn haben Sie dem Erfolg alles untergeordnet? Nie. Ich habe noch einen Monat vor Olympia in Los Angeles meine mündliche Abitur-Prüfung gemacht.

Und was sagte Ihr Trainer dazu? Der war Studienrat und kam selbst öfter nicht zum Training, weil er Klausuren korrigieren musste.

Wie bitte?
Wir besprachen die Trainingsinhalte am Telefon, und er sagte: „Du machst das schon.“ Das war auch gut so. So kam ich nie in Verlegenheit, den Sport überzubewerten. Meine Lebenswirklichkeit war die eines normalen Menschen: Ich saß als Olympiasieger an der Uni in Seminaren, und der SDS kam rein, und die Veranstaltung war vorbei.

Noch 1985 sagten Sie als Doppel-Olympiasieger und Weltmeister: „Wegen mir kommt kein Zuschauer mehr in die Schwimmhalle.“ Bisschen kokett, oder? Nein, die Wahrheit. Selbst bei den Olympia-Qualifikationen in München war die Halle nach meinen Weltrekorden nur halb gefüllt. Da tat sich nichts. Auch zu den Deutschen Meisterschaften kamen selten mehr als die üblichen Verdächtigen.

Wie erklären Sie sich das?
Schwimmen war und ist immer was für Spezialisten geblieben und hat auch nie einen Weg gefunden – wie heute etwa Biathlon –, sich mediengerecht zu inszenieren.

Ihrem Ehrgeiz konnte das nichts anhaben. Die Ehrung zum „Sportler des Jahres“ 1982 sagten Sie ab, weil am nächsten Tag ein Wettkampf anstand. Die Ehrung fand damals in Berlin statt, da wäre ich nachts nie mehr rechtzeitig weggekommen.

Ihre Absage sorgte für ein Riesengeschrei in den Medien. Das war damals noch die Zeit der Honoratioren.

Sie düpierten damit auch Josef Neckermann, den Vorsitzenden der Deutschen Sporthilfe. Ach, „Necko“ fand es gut, dass ich absagte. Er war nur der Ansicht, dass ich es nicht unbedingt noch in einem Fernsehinterview hätte erklären müssen. Das war ihm ein bisschen zu viel des Guten. Ich bekam von ihm sogar ein Mark-Stück dafür.

Ein Mark-Stück? Die verteilte er als Anerkennung für Dinge, die er gut fand. Ein bisschen schrullig, aber er war ein guter Typ.

Michael Groß, gab es Tage in Ihrer Karriere, an denen Sie das Gefühl hatten, unschlagbar zu sein? 1985 war mein stärkstes Jahr, da hielt ich in vier von fünf olympischen Strecken den Weltrekord. Die Europameisterschaften in diesem Jahr waren ein ziemlicher Durchmarsch für mich. In Sofia hatte ich in einigen Rennen teilweise mehrere Sekunden Vorsprung.

Dabei waren die Voraussetzungen in Bulgarien nicht gerade optimal. Stimmt, da kippte mehrfach Wasser im Becken um, und von jetzt auf gleich war alles voller Algen. Die blonden Mädels haben vor lauter Chlor, das ins Wasser geschüttet wurde, grüne Haare bekommen. Wer da nicht schnell genug aus dem Wasser kam und sich abduschte, konnte sich fast die Haut abziehen. Was wir da an Chlorgasen eingeatmet haben, will ich gar nicht wissen.

Gehen Sie noch oft ins Schwimmbad? Nein, wenn ich schwimme, dann in einem See oder im Meer; ist schöner.

Wo fliegt der „Albatros“ heute noch? So wie im Sport? Nirgendwo! Leistungssport ist eine einmalige Zeit, die sich mit dem Leben danach nicht vergleichen lässt. Jeder Sportler sollte wissen, dass sich dieses Gefühl später nicht mehr einfangen lässt.

Das Interview mit Michael Groß lest Ihr in Ausgabe#4 von NoSports.