Skispringen, Vierschanzentournee 1990/1991 Jens Weißflog (Deutschland) FOTO (C): WEREK Pressebildagentur xxNOxMODELxRELEASExx

Ski jumping Four Hills tour 1990 1991 Jens Weißflog Germany Photo C WEREK  xxNOxMODELxRELEASExx

Jens Weißflog: „Das fühlt sich an wie sterben“

Für die aktuelle Ausgabe von „NoSports“ baten wir Jens Weißflog, einen der erfolgreichsten Ski-Springer aller Zeiten, zum großen Karriereinterview. Der „Floh vom Fichtelberg“ über Zweifel auf der Schanze, seine Rivalität zum Finnen Matti Nykänen und ein traumatisches Ereignis, das seine Einstellung zum Skispringen für immer veränderte.

Jens Weißflog, wie fühlen Sie sich, wenn Sie ein Flugzeug besteigen und die Verantwortung für einen Flug abgeben müssen? Zunehmend schlechter. Als Aktiver bin ich in jedes Flugzeug rein, ohne drüber nachzudenken. Aber je älter ich werde, desto größer wird die Angst. Vielleicht liegt es daran, dass ich viele Turbulenzen beim Fliegen erlebt habe.

Und als Skispringer ein besonderes Empfinden für Aerodynamik haben? Nein, sicher nicht. Früher habe ich mir nie Gedanken über die Konsequenzen gemacht.

Sie fliegen seit früher Kindheit. Schon mit fünf Jahren sprangen Sie auf selbstgebauten Schanzen im Erzgebirge. Kinder langweilen sich, wenn sie nach einer Abfahrt auf Skiern immer wieder den Berg hochlaufen müssen. Also fingen wir in zuhause in Pöhla an, Schanzen aus Schnee aufzuwerfen. Der Schanzentisch war einen halben Meter hoch, wir haben einen Absprungkanal ausgehöhlt und sind runtergefahren. Weil es viele Kinder in der Nachbarschaft so machten, gab es im Umkreis überall kleine Schanzen, sodass wir unsere eigene Vierschanzentournee veranstalteten.

War Ihr Talent schon damals erkennbar? Ich war kein Wunderkind, aber das Aufstellen immer neuer Bestweiten, hat mich von Beginn an extrem angetrieben.

Mit anderen Worten: Ihr Ehrgeiz war sehr ausgeprägt? Ich wollte mit jedem Sprung weiter kommen. Am Anfang sprangen wir nicht Funktionskleidung, sondern in diesen Baumwolltrainingsanzügen mit Schneebommeln dran. Ich musste drei Mal am Tag Klamotten wechseln, damit ich mich nicht erkälte. Meine Mutter war ständig mit Trocknen beschäftigt. Aber kaum war ich umgezogen, stand ich wieder oben.

Hatten Sie keine Angst, sich beim Springen zu verletzen? Das ist wie in der Badeanstalt: Wenn man vom 3-Meter-Brett keinen Bauchklatscher gemacht hat, will man aufs 5-Meter-Brett. Ein Entwicklungsprozess. Anfangs nahm ich einen kurzen Anlauf und wenn ich gut gelandet war, verlängerte ich.

So einfach ist das? Naja, die erste richtige Schanze, auf der ich mit sechs Jahren inm Verein sprang, war 20 Meter lang. Eigentlich viel zu groß für mich, aber es gab keine kleinere. Als ich oben stand, dachte ich: „Friss oder stirb.“ Und auf Anhieb gelang mir ein 6-Meter-Satz.

Bereits im Alter von 16 Jahren starteten Sie bei der Vierschanzentournee. Das DDR-Team bestand aus Größen wie Manfred Deckert und Matthias Buse. Ich war sehr stolz,…

…aber auch leicht überfordert. Sie nahmen nur an den ersten beiden Springen teil. Es lief so schlecht, dass man das Team der DDR vor weiterer Kritik schützen wollte und mich rausnahm.

Waren Sie zu nervös? Nicht nur. Unmittelbar vor der Tournee hatte es wegen eines Unfalls eine Regeländerung gegeben. Wir mussten die Keile an der Bindung verkürzen, was in so einer sensiblen Sportart komplett das Fahrgefühl verändert. Die Folge: Ich kam kaum noch über den Schanzentisch. Beim ersten Springen in Oberstdorf hatte ich regelrecht Angst, im Kranz mit dem „O“ zu landen, der unterhalb des Tisches auf dem Hang liegt.

Für einen ehrgeizigen Sportler ein Super-GAU. Nach zwei Springen nicht mehr mitmachen zu dürfen, war furchtbar. Als ich wieder zuhause war, traute ich mich kaum aus dem Haus. Und wir mussten bei Sportminister Manfred Ewald antanzen, der uns einen Kopf kürzer machte: „Ihr seid eine Schande für die DDR.“ Es war das erste Mal, dass ich hautnah mitbekam, welche Rolle ich als Leistungssportler für das Land spielte.

In dieser Zeit muss Ihnen aber bewusst geworden sein, dass Sie zu Höherem berufen waren. In Jahr 1980 hatte ich ein Aha-Erlebnis, als ich in Oberhof erstmals über 100 Meter sprang. In meinem Heimatverein diente ich danach schlagartig den älteren Springern als Vorbild. Die mussten sich meine Videobilder anschauen und verstanden gar nicht, wie ein schmaler Typ wie ich so risikoreich springen konnte.

War es denn so? Ich habe es nicht so empfunden, aber auf den Videos sah es so aus, als würde ich extrem nach vorne springen.

Hatten Sie ein besseres Timing als die anderen? Eine Allianz mit dem Wind? Man hat mir zumindest stets ein besonderes Fluggefühl nachgesagt.

Das heißt? Ich war in der Lage, mit den Luftkräften zu spielen und auch aus einem verspäteten Absprung das Optimale rauszuholen. Als ich anfing, dominierten noch die 1,80 Meter Typen, die viel über die Kraft kamen. Aber das Material veränderte sich, was mir als Leichtgewicht entgegenkam. Die robusten Typen kamen plötzlich nicht mehr klar. In meiner Anfangszeit war das noch ein unentdeckter Faktor.

Erlebt ein Skispringen  den Flug eher wie ein Pilot oder konnten Sie den Sprung auch genießen? Ein Sprung bei 90 km/h Luftkräften ist reine Aktion. Und die Kräfte erhöhen sich in der Luft. Halten Sie mal bei 120 km/h die Hand aus dem Auto, dann wissen Sie, wie man rudern muss, um die Balance zu halten.

Wie schafft man den perfekten Sprung? Skisprung ist eine Reaktionssportart. Die Zeit, um den perfekten Sprung hinzukriegen, ist wahnsinnig kurz. Wer mit 90 km/h die Schanze herunterfährt, macht 23 Meter pro Sekunde. Auf den letzten fünf Metern geht man in die Absprungbewegung über. Das bedeutet: Es bleibt nur eine Viertelsekunde, um den Absprung perfekt zu treffen.

Was passiert nach dem Absprung? Man steuert in der vorausgedachten Bewegung. Ich will es genauso machen, wie ich es mir vorgenommen habe, aber ich muss natürlich auf die Umstände reagieren – eine Böe von rechts, ein Wind von unten.

Klingt ziemlich komplex. Erfahrene Skispringer können mit solchen Kräften arbeiten. Wer es nicht kann, kommt er in Rücklage und stürzt ab.

1983 stürzten Sie bei der Skiflug-WM im tschechischen Harrachov und erlitten eine schwere Nieren- und Beckenverletzung. Wie veränderte sich durch – um im Bild zu bleiben – diesen „Bauchklatscher“ Ihre Perspektive auf das Skispringen? Es war mein erstes Jahr im Skifliegen ein. Harrachov war damals die Mörderschanze weltweit. Anlaufgeschwindigkeiten von über 115 km/h, eine Flugbahnhöhe von 12 Metern. Jeder im Skizirkus wusste, dass dort schnell mal einer ein Rad schlägt. Kurz vor mir sprang Horst Bulau, der Führende im Gesamtklassement, und stürzte ab. Ich hörte, wie er unten im Tal mit Tatütata abtransportiert wurde. Ich hatte schlagartig die Hosen voll. Auf der Bahn war es wie im freien Fall. Im Flug kamen mir die Skier in einem affenartigen Tempo entgegen. Es fühlte sich an, als würde ich aus einem Hochhaus springen. Ich dachte: „Was mache ich hier bloß?“

Ja, was eigentlich? Naja, ich war 18. Harrachov war eine Wahnsinnsherausforderung. Beim dritten Sprung aber hing gleich der Skier unten. Hochziehen war bei dem Tempo unmöglich, also war klar, dass ich abstürzen würde. Ich drehte mich also im Flug auf die Seite, weil es mir angenehmer schien, als auf Bauch oder Gesicht zu landen. Doch der starke Luftdruck sorgte dafür, dass ich am Ende auf den Rücken stürzte.

Erinnern Sie sich an den Aufprall? Es fühlte sich an, als sei ich zerbrochen. Die Luft war sofort weg. Ich schlug auf und wurde ein paar Mal unkontrolliert in die Luft geschleudert. Brille weg, Skier weg, die Eisenbindung war halb rausgerissen, da können Sie sich vorstellen, was für Kräfte wirkten. Ich wollte aufstehen, aber es hat mich gleich wieder umgehauen.

Eine traumatische Erfahrung? Als ich im Krankenhaus aufwachte, tat mir alles weh. Auf dem Weg zur Toilette, sah ich durch einen Türspalt, dass im Nebenzimmer ein Brandopfer lag. Doch die Schwester deutete auf den Patienten und sagte nur: „Kollege!“ Es war Horst Bulau, der im ersten Sprung frontal mit dem Gesicht aufgeschlagen war und 100 Meter den Hang vermessen hatte.

Und Sie sind trotzdem munter weitergesprungen. Bulau sprang schon eine Woche später wieder, aber für mich war mit 17 Jahren die Saison vorbei. Ich kam erst zur Sommersaison zurück. Als ich wieder ins Training einstieg, spürte ich zunächst keine Beeinträchtigung. Aber als ich auf größeren Schanzen sprang und der Wind die Ski zum Wackeln brachte, war es, als würde mir das Herz stehen bleiben. Außenstehende bekamen es nicht mit, aber ich war eine Hunderstel so erstarrt, dass ich kürzer sprang.

Wie haben Sie das in den Griff bekommen? Wir machten während des Trainingslagers in der Schweiz eine Bergwanderung, in deren Verlauf wir einen Felsen per Klettersteig überwinden mussten, an dem es nur wenige Ösen gab. Als wir an dem Felsen ankamen, war da wieder dieses extreme Angstgefühl.

Und Sie haben gekniffen? Nein, ich wusste intuitiv, ich muss da jetzt durch. Ich musste mich mich wieder auf Risikosituationen einlassen. Und so war es: Als ich diese Herausforderung gemeistert hatte, fuhr ich nach Finnland und sprang bei sehr schwierigen Wetterbedingungen. Andere Springer zeigten mir den Vogel, aber ich habe mich überwunden.

Und das Jahr 1984 wurde das erfolgreichste Ihrer Laufbahn. Ohne diese Grenzerfahrung  wäre es nie so gekommen.

Ihr großer Konkurrent in den Achtzigern war der Finne Matti Nykänen, der später als Alkoholiker und Lebemann Schlagzeilen machte. Optisch ähnelten Sie sich: zwei Leichtgewichte. Wir repräsentierten den neuen Typus des Skispringers. In der Presse stand: „Es siegen die Milchgesichter“. Wir waren 18, 19 Jahre alt, sahen aber aus wie 15, 16. Und teilten uns bei Olympia 1984 die Medaillen.

War er damals schon ein extrovertierter Typ? Im Gegenteil. Wir haben uns gegrüßt, das war’s. Er sprach so gut wie kein Englisch und war sehr in sich gekehrt. Erst später bekam ich mit, dass er irgendwo ein Hotelzimmer zerlegt hatte.

Vom späteren Vierschanzentourneesieger Sven Hannawald wurde bekannt, dass er magersüchtig wurde, weil er der Ansicht war: „Leicht fliegt weit, noch leichter fliegt weiter.“ Hatten Sie auch eine Neigung zur Essstörung? Nein, da war ich biologisch im Vorteil. Als Schwein hätten sie mich jedenfalls erschossen. (Lacht.) Ich konnte essen, was ich wollte, in Trainingszeiten hatte ich nie über 55, 56 Kilo auf den Rippen, beim Wettkampf wog ich 53 Kilo.

Im Alter von 18 Jahren waren Sie bereits Olympiasieger, Weltmeister und Sieger der Vierschanzentournee. Wie kamen Sie mit Ihrer Popularität zurecht? Wenn ich abends mal ein Bier trinken ging – was mit 18 erlaubt ist – hörte ich auf  plötzlich: „Ach, Sie trinken Bier?“ In dem Alter ist es schwer, nicht der sein zu können, der man ist. Bei der Vierschanzentournee kam ich mir vor wie der Rattenfänger von Hameln, so viele Menschen waren mir auf den Fersen. Und es gab noch keine Security an der Schanze. Teilweise musste ich mich im Beisein von Zuschauern sogar umziehen.

Ab 1985 waren Sie als Kandidat der FDJ auch politisch aktiv und saßen in der  Volkskammer? Ich war nur ein Nachrückkandidat der Freien Deutschen Jugend, da kam es selten vor, dass einer vorzeitig verstarb. (Lacht.) Deswegen hatte ich nie eine parlamentarische Aufgabe. Aber ich habe an einigen Sitzungen teilgenommen, auch 1989 als Mielke die berühmte Rede hielt: „Ich liebe Euch doch alle!“ Ich war verletzt und  habe die Zeit genutzt, um mir die Veränderung im Land unmittelbar vor Ort anzusehen.

Wären Sie je so erfolgreich geworden, wenn Sie in Westdeutschland aufgewachsen wären? Da hätte viel zusammenkommen müssen. In der DDR war die Unterstützung von staatlicher Seite und die Trainingsbedingung optimal. In Oberwiesenthal hatten wir fünf Skisprungtrainer und eine eigene medizinische Abteilung. In Oberstdorf hingegen wurde damals die Schanze nur einmal im Jahr für die Vierschanzentournee hergerichtet und fürs Sommertraining gab es nicht einmal Matten.

Haben Sie sich beim Mauerfall Gedanken gemacht, dass sich Ihr Sport verändern könne? Ich wusste, dass große Veränderungen kommen würden. Ich war gelernter Elektriker und obwohl ich nie in den Betrieb musste, war ich in dieser Funktion angestellt. Es war klar, dass ich über kurz oder lang nicht mehr bezahlt werden würde, weil das Unternehmen um seine Existenz kämpfte.

Hatten Sie Existenzangst? Da Reden war nun nicht mehr verboten war, informierte ich mich bei Kollegen im Westen über die wirtschaftlichen Möglichkeiten. Mir war bewusst, dass das Geld von der Sporthilfe nicht ausreichen würde, um eine Familie zu ernähren, also besuchte ich den Vater von Dieter Thoma – damals mein größter Konkurrent – und fragte ihn aus. Über ihn kam mein erstes Sponsoring zustande.

Das war? „S.Oliver“. Eigentlich wollten sie den Dieter haben, aber der war ihnen zu teuer. Aber mir hat’s gereicht. (Lacht.)

Von Ihnen ist aus der Zeit der Satz überliefert: „Skisprung ist mein Beruf. Jetzt müssen die Kohlen in den Keller“. Es war eine spannende Zeit. Nie werde ich den Moment vergessen, als ich den Vertrag bei „S.Oliver“ unterschrieben hatte und dort mit Säcken voller Klamotten rausging. „Komm, nimm die Jeans auch noch mit.“ Das war damals fast bedeutsamer als das Geld.

Als Skispringer wurden Sie vorher meist nur in Sachpreisen bezahlt? Anfangs gab es Mikrowellen oder Schwarz-weiß-Fernseher, später wurden die dann farbig. Nach der Wende gründeten wir eine Gewerkschaft, sodass wir ab 1992 endlich Antrittsprämien kassierten und die Mikrowellen nach und nach wegfielen. (Lacht.)

Wie war das in der DDR mit der Bezahlung? Für meinen Olympiasieg 1984 habe ich 25 000 Ost-Mark bekommen, was für einen 18-Jährigen natürlich unglaublich war. Damit konnte ich den Trabi bezahlen.

Für „NoSports“-Kolumnist Ulli Wegner sind Sie der größte Sportler überhaupt, weil Sie noch mit Ende 20 in der Lage waren, Ihre Sportart von Grund auf neu zu lernen, als Sie von Parallelsprung auf V-Sprung umstiegen. Das ehrt mich natürlich, aber wer seinen Sport versteht und sich in Bewegungsabläufe reindenken kann, der kriegt das auch in dem Alter noch hin.

Also alles halb so schlimm? Es war, als würde ich nach 30 Jahren mit der rechten Hand plötzlich mit der linken Hand schreiben müssen. Das größte Problem aber war, dass die nächste Saison anstand und ich kaum Zeit hatte, Automatismen zu entwickeln.

Es ist Ihnen aber gelungen. Genau genommen habe ich eineinhalb Jahre gebraucht, um wieder bei der Weltspitze anzudocken. Bei der Vierschanzentournee 1992/93 wurde ich nur Achter.

Wie groß war der Frust? Beim ersten Test für Olympia 1994 auf der Schanze in Lillehammer erreichte ich nicht mal das Finale. Auch beim Springen auf dem Holmenkollen in Oslo klappte nichts. Ich war überzeugt, alles Menschenmögliche gemacht zu haben, aber es hatte wohl nichts gebracht. Ich war am Boden zerstört. Also schnappte ich mir nachmittags um halb drei den österreichischen Kollegen Ernst Vittori, ging in eine Kneipe und schüttete ihm mein Herz aus. Ein richtiges Frustsaufen. Ich sagte: „Nach dieser Saison ist Schluss.“

Und nur wenige Monate später gewannen Sie in Lillehammer die Goldmedaille. Nach dem Springen kam Ernst zu mir und sagte: „Dafür, dass Du nicht mehr aktiv bist, springst Du noch ganz gut.“

Wieso hatte sich alles zum Guten gewendet? Im Skispringen lassen sich manche Dinge nicht kalkulieren. Manchmal ist es gut, einfach loszulassen und einen klaren Kopf zu bekommen. So wie beim Frustsaufen in Oslo. Wenige Tage vor Lillehammer nannte uns die „Bild“: „Die fliegenden Brathühner“. Keiner hat mehr einen Cent auf mich gesetzt. Im Wettkampf lag ich nach dem ersten Durchgang noch sechs Meter hinter dem Führenden Espen Bredesen, also konnte ich im zweiten alles auf eine Karte setzen.

In Ihrer Statistik stehen 21 500 Trainings- und Wettkampfsprünge. Wer zählt bitte sowas? In der DDR gab es Trainingspläne, die nach Möglichkeit übererfüllt werden sollten. Diese Pläne habe ich nach der Wende eigenständig fortgesetzt, weil ich Trainingssteuerung für sehr sinnvoll hielt. So ließ sich die Zahl einfach ermitteln.

Im Jahr 1996 beendeten Sie Ihre aktive Laufbahn, heute führen Sie ein Apartmenthotel in Oberwiesenthal. Wie groß ist noch die Sehnsucht nach dem Höhenrausch auf der Schanze? Die empfinde ich gar nicht. Denn ich hatte das große Glück, mit voller Überzeugung abzutreten. 1995 war mein Knie lädiert, ich hatte eine Knochenhautentzündung und Wadenprobleme. Ein Kreuzbandriss war zeitweise unentdeckt geblieben. Nach einer Arthroskopie entzündeten sich dann die Einstichkanäle. Im Sommertrainingslager konnte ich viele Sprungeinheiten nicht mehr machen und fand mich mit dem Biathleten Sven Fischer im Kraftraum wieder, der neben mir wie ein Bär schuftete. Als ich ihm zusah, wurde mir klar, dass meine Zeit vorbei war. Eigentlich hätte ich wie er trainieren müssen, aber es ging nicht mehr.

Trotzdem sprangen Sie beim Skifliegen in Bad Mitterndorf noch die persönliche Rekordweite von 201 Meter, Sie gewannen zum vierten Mal die Vierschanzentournee und in Ihrem Abschiedsspringen in Oberwiesenthal verbesserten Sie den Schanzenrekord. Natürlich habe ich mich unter Druck gesetzt, um den perfekten Karriereabschluss hinzulegen. Aber es lief nicht rund: Nach Weihnachten bekam ich eine Magendarmgrippe. Ich überlegte, die Vierschanzentournee abzusagen, fuhr aber doch hin und schaffte nur mit Glück die Qualifikation, weil mich beim letzten Sprung eine Windböe erfasste und mich statt auf 95 Meter auf 110 Meter trug. Meine damalige Frau sagte zu mir: „Nun versau Dir nicht den letzten Wettkampf, schreib Autogramme, mach Interviews und genieß es einfach.“ Da legte sich mir im Kopf ein Schalter um und ich gewann die Tournee. Aber es war auch Fügung dabei, denn der große Favorit Mika Laitinen konnte nach dem ersten Springen nicht mehr antreten.

Jens Weißflog, in welchen Momenten fliegen Sie heute noch? Ich habe zwei wiederkehrende Alpträume: Ich springe von der Schanze, aber es geht nicht runter ins Tal, sondern ich fliege geradeaus und stürze am Ende ab. Das fühlt sich an wie sterben.

Und der andere Traum? Wissen Sie, ich bin Pünktlichkeitsfanatiker. Erst letzte Woche habe ich wieder geträumt, dass ich oben auf der Schanze stehe, die Ampel wird grün, aber mir reißen die Schnürsenkel, die Bindung ist locker, kurz: ich schaffe es einfach nicht rechtzeitig zu starten.

Haben Sie als Aktiver im Flug jemals die absolute Freiheit verspürt? Nur im dritt- und im zweitletzten Sprung beim Abschiedsspringen in Oberwiesenthal 1996. Seit ich ein Kind war neigte ich zu dem stereotypen Fehler, beim Absprung die Arme nach vorn zu nehmen. Ich musste mich stets konzentrieren, nur aus den Beinen abzuspringen. Vorm Absprung dachte ich: „Arm halten, Arm halten.“ Trotzdem gingen die Arme immer wieder nach vorn. Bei diesen beiden Sprüngen aber blieben sie unten und ich konnte in der Luft machen, was ich wollte. Ein intensiveres Gefühl als bei allen Sprüngen davor und danach.

Danach kam auch nur noch einer. Da war ich schon wieder im Wettkampfmodus, denn ich wollte das Springen gewinnen. Ich hatte die Ampel, die Windfähnchen und den Trainer im Blick. Ein Reporter fragte, wie ich mich vor dem letzten Sprung fühle. Und prompt ging die Hand wieder nach vorn.

Mehr über Jens Weißflog in der aktuellen Ausgabe von „NoSports“.

Interview: Tim Jürgens    Foto: Daniel Hofer