YORK, UNITED KINGDOM - DECEMBER 04: Ronnie O Sullivan of England plays a shot during the final match against Mark Selby of England on day 13 of Betway UK Championship 2016 at Barbican Centre on December 4, 2016 in York, England of United Kingdom. PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY CFP496543665

York United Kingdom December 04 Ronnie o Sullivan of England Plays A Shot during The Final Match Against Mark Selby of England ON Day 13 of betway UK Championship 2016 AT Barbican Centre ON December 4 2016 in York England of United Kingdom PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY CFP496543665

Oh, Sullivan!

Snooker-Star Ronnie O’Sullivan gilt als großes Enfant Terrible der Sportwelt. Jetzt fängt er auch noch an, Romane zu schreiben. Dabei ist seine Lebensgeschichte doch abenteuerlich genug

Text: Uli Hesse

“Wie viel?“ – „Zehntausend Pfund.“ Ronnie O’Sullivan ließ die Information einen Moment sacken, dann umspielte­ ein seltsames Lächeln seine Lippen. In den Tagen danach würden einige behaupten, man hätte ein dämonisches Funkeln in seinen Augen sehen können. Doch da wussten die Leute ­natürlich, was passiert war. In dem Moment selbst sah es einfach so aus, als freue sich einer der besten Snooker-Spieler aller Zeiten darüber, dass er die Möglichkeit hatte, etwas zu leisten, das selbst für ihn außergewöhnlich war.
O’Sullivan musterte den dreieinhalb Meter langen Tisch. Verstreut auf ihm lagen sechs sogenannte farbige Kugeln, ein weißer Spielball und sehr viele rote Kugeln. Snooker ist eine zutiefst britische Variante des Billard. Das erklärt nicht nur, warum die Spieler oft von Bällen reden, obwohl sie mit Kugeln spielen. (Im Englischen heißt beides „ball“.) Es erklärt auch, warum ein Hauch von Exzentrik die Regeln umgibt. Vereinfacht gesagt, muss ein Spieler erst eine rote Kugel versenken, um auf eine der farbigen stoßen zu dürfen. Rote Kugeln sind jeweils einen Punkt wert und kommen nicht auf den Tisch zurück, nachdem sie versenkt wurden.
O’Sullivan beugte sich vor und stieß mit dem Queue zu. Eine rote Kugel fiel in die Mitteltasche, doch der Engländer beachtete sie gar nicht. Er verfolgte stattdessen die lange Reise des weißen Spielballes, der fünfmal gegen eine der Banden prallte, bevor er am anderen Ende des riesigen Tisches zu liegen kam, unweit der schwarzen Kugel. Sie ist die wertvollste, denn für sie gibt es sieben Punkte. Solange noch rote Kugeln auf dem Tisch sind, wird eine versenkte schwarze auf ihren Platz zurückgelegt. Als Ronnie sah, dass er nun einen leichten Stoß auf Schwarz hatte, grinste er und streckte die Zunge heraus.
Auch das bekam erst in der Nachbetrachtung eine Bedeutung. Die Zuschauer in der Motorpoint Arena von Cardiff jedenfalls wunderten sich nicht über diese Grimasse.­ Sie wussten, dass Ronnie oft das Gesicht verzieht und komische Dinge tut. Aber solange er dem Pressechef keinen Kopfstoß verpasst (wie bei der WM 1996), sich kein feuchtes Handtuch über den Kopf hängt (wie 2005 gegen Mark King), mitten im Spiel aus der Halle rennt (wie 2006 gegen Stephen Hendry) oder plötzlich die Schuhe auszieht und in Socken weiterspielt (wie bei der WM 2015), ist mehr oder weniger alles in Ordnung mit ihm. Das jedenfalls glaubten die meisten Beobachter in diesem Moment.
O’Sullivan versenkte die­ schwarze Kugel. Dann die nächste rote. Dann wieder die schwarze. Rot. Schwarz. Rot. Schwarz.
Wenn man das immer so weiter macht, bis nur noch der Spielball auf dem Tisch liegt, hat man in einer einzigen Aufnahme 147 Punkte gesammelt. Das nennt sich Maximum Break und ist sehr selten. In der Geschichte des professionellen Snooker gab es bisher erst 121 solcher Serien. Ronnie O’Sullivan gelangen die meisten, geradezu sensationelle dreizehn Stück, aber der 40-Jährige ist ja auch schon seit fast einem Viertel­jahrhundert Profi.
O’Sullivans zweite Auto­biografie, die vor drei Jahren erschien, handelt vor allem von seinen Selbstzweifeln, Panikattacken und Depressionen. Aber er äußert sich auch zur allgemeinen Bedeutung des Maximum Break: „Es ist das Allergrößte, das man im Snooker erreichen kann – das perfekte Spiel.“ In O’Sullivans erster Autobiografie, die 2003 herauskam, ging es vorrangig um seine abenteuerliche Familiengeschichte und seine Versuche, von den Drogen loszukommen. Doch er schreibt auch etwas darüber, was ein Maximum Break ihm persönlich bedeutet: „Trotz all der Rekorde, die ich seither aufgestellt habe – wie etwa das schnellste Maximum in fünf Minuten, zwanzig Sekunden –, ist mein liebster Rekord der, dass ich die 147 als jüngster Spieler überhaupt geschafft habe.“ (Er war 15, als ihm das Kunststück zum ersten Mal gelang. Dieser Rekord wurde inzwischen gebrochen.)

Eine 147er Aufnahme ist also immer etwas ganz Besonderes. Und genau deswegen war bei den Welsh Open 2016 in Cardiff eine Sonderprämie für den Spieler ausgelobt, dem ein Maximum Break gelang. O’Sullivan hatte sich eben bei der Schiedsrichterin erkundigt, wie hoch genau dieses Preisgeld war. Zehntausend Pfund.
Rot. Schwarz. Rot. O’Sullivan blickte auf die Anzeigetafel. Er stand inzwischen bei 73 Punkten für die Aufnahme. „Come on, Ronnie!“, rief eine Frau im Publikum, und er grinste wieder auf eine Art, die man bei anderen Spielern ein kleines bisschen besorgnis­erregend finden würde. Doch dies war schließlich O’Sullivan, der einst über sich selbst schrieb, dass die Dinge, die ihm durch den Kopf gehen, „für die meisten Menschen nach Wahnsinn aussehen müssen“. Bei ihm ist das Seltsame die Normalität.
Wer weiß, vielleicht lächelte O’Sullivan ja auch die ganze Zeit so hintergründig, weil er mit seinen Gedanken woanders war? Zum Beispiel in der Londoner Halbwelt des Jahres 1995. Wenige Wochen vor den Welsh Open hatte O’Sullivan angekündigt, seinen ersten Roman zu veröffentlichen. Es ist ein Krimi, der dem frühen Guy Ritchie gefallen hätte. (Auf den 346 Seiten findet sich das Wort „fuck“ 703-mal.) Die Hauptfigur führt einen Snooker-Salon in Soho und ist mit der Miete in Rückstand. Unglücklicherweise handelt es sich beim Vermieter um einen berüchtigten Gangsterboss, der sich nicht lange hinhalten lässt. Und das ist nicht das einzige Problem des Helden: Seine Mutter verschwand, als er 16 war, sein Vater sitzt seit einigen Jahren im Gefängnis, und seinem Bruder droht nun das gleiche Schicksal, weil jemand versucht, ihm einen Mord anzuhängen.
Als diese ersten Handlungs­fetzen bekannt wurden, schien es auf einmal gar nicht mehr so abwegig, dass der mehrfache Snooker-Weltmeister und ambitionierte Hobbyläufer O’Sullivan nun auch noch unter die Romanciers gegangen war. Man musste nicht über eine ungewöhnliche Gabe zur Textanalyse verfügen, um zu erkennen, dass er seine eigenen Lebenserfahrungen in die Geschichte einfließen ließ – und vielleicht verarbeiten wollte.
Ronnie O’Sullivan kommt zwar aus einfachen Verhältnissen, hatte aber dennoch eine privilegierte Jugend. Seinem Vater gehörte eine Kette von Sex-Shops in Soho, die große Gewinne abwarfen. Ronnie bekam seinen ersten eigenen Snooker-Tisch, als er sieben Jahre alt war. Fünf Jahre später baute ihm sein Vater am Ende des Gartens für 20 000 Pfund eine Art privaten Trainingsraum. Etwas später kaufte­ O’Sullivan Senior seinem Sohn auch noch einen 4 000 Pfund teuren Tisch, der in Ronnies Lieblingsbillardhalle aufgestellt wurde und auf dem nur er spielen durfte.

Das waren keine Luxusausgaben, es waren Investitionen in die Zukunft. Schon früh zeichnete sich ab, dass Ronnie einzigartiges Talent besaß. Mit neun gewann er sein erstes Turnier, mit dreizehn wurde er britischer Jugendmeister, mit sechzehn verdiente er mehr Geld als seine Lehrer, ging von der Schule ab und machte Snooker zu seinem Beruf.
Doch es waren nicht nur Erfolge, Lob und Bewunderung, die ihm schon in jungen Jahren zuteilwurden. Man neigt dazu, viele seiner späteren Skandale und Exzesse durch die dramatischen Ereignisse zu erklären, die die Familie O’Sullivan Ende 1991 trafen. Doch Ronnie machte schon vorher durch Ausraster von sich reden. So dürfte es nicht viele Sportler geben, die noch vor ihrem elften Geburtstag für ein Jahr von Wettkämpfen ausgeschlossen wurden. (Ronnie hatte ein Glas nach einem anderen Spieler geworfen. Später reduzierte man die Sperre auf sechs Monate.)

Schwarz. Während die Schiedsrichterin die Kugel wieder aus der Tasche holte, blickte O’Sullivan zum Aufnahmeleiter der BBC hinüber.
„Wie viel?“, fragte er auch ihn.
„Zehntausend Pfund.“
O’Sullivan lächelte und lochte Rot. Dann wieder Schwarz. Phil Studd, einer der beiden Fernsehkommenta­toren, sagte: „Kann das Nummer vierzehn werden?“
Bei den dreizehn Maximum Breaks, die O’Sullivan zu diesem Zeitpunkt in den Rekordlisten gutgeschrieben wurden, ist seine erste 147er Aufnahme übrigens nicht mitgerechnet, denn als er sie im Frühjahr 1991 aufs grüne Tuch zauberte, war er noch Amateur.
Sieben Monate nach dieser fabelhaften Leistung, im Oktober 1991, besuchte Ronnies Vater zusammen mit einem Freund das „Stocks“, einen Nachtklub auf der Kings Road in London. Die beiden aßen gut und tranken viel Champagner. Dann kam es zu einem Streit mit zwei anderen Gästen, zufällig Angestellte eines bekannten Gangsters. Im Verlauf der Handgreiflichkeiten bekam O’Sullivan Senior einen Dolch zu packen. Er versetzte­ einem der beiden Fremden zwei Stiche. Der Mann starb auf dem Bürgersteig vor der Bar. Ronnie war 16 Jahre alt, als man seinen Vater wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilte.
Niemand kann sagen, zu welchen emotionalen Verwerfungen diese Ereignisse in Ronnies Seele führten, wie schwer das Trauma war, das er erlitt. Sicher ist nur, dass es ihm ähnlich erging wie dem Helden seines Romans: Mit diesem einen Schicksalsschlag war es nicht getan. Im März 1994 führte die Polizei Razzias in Dutzenden von Londoner Sex-Shops durch. Mehr als 20 Leute wurden verhaftet, darunter Ronnies Mutter, die nach der Verurteilung ihres Ehemannes dessen Geschäfte führte. Wegen Steuerhinterziehung kam auch sie ins Gefängnis. Zwar verbrachte sie am Ende nur sieben Monate hinter Gittern, doch Ronnie – noch immer ein Teenager – musste jetzt nicht nur einen neuerlichen Verlust verarbeiten, sondern sich auch noch um seine 12-jährige Schwester kümmern. Und das, während er gerade eine Karriere als Spitzen­sportler startete.
Unter diesen Umständen wäre jeder Mensch aus der Bahn geraten. Und Ronnie, der niemals halbe Sachen macht, tat auch dies sehr gründlich. Bald wog er fast 100 Kilo und verbrachte seine Nächte in Bars und Diskotheken, oft in fragwürdiger Gesellschaft. Er konnte zwar trotzdem in der Weltspitze mithalten und galt an guten Tagen als aufregendster Spieler, den die Snooker-Welt je gesehen hatte. Doch es war offensichtlich, dass er selbst sein gefährlichster Gegner war. 1998 gewann er die Irish Masters, wurde aber positiv auf Cannabis getestet und verlor den Titel wieder. Zwei Jahre später flog er schon in der ersten Runde der WM raus und es hieß, er habe sein Talent verschleudert und würde niemals Weltmeister.

Mit diesem Schock begann ein Kreislauf, der Snooker-Fans inzwischen wohlbekannt ist. Wenn O’Sullivan am Boden liegt, bringt er enorme Willenskraft auf. Mit derselben Zügellosigkeit, mit der er zuvor Alkohol und andere Drogen konsumiert hat, stürzt er sich in ein Fitnessprogramm, läuft 12 Kilometer am Tag oder schuftet auf einer Schweinefarm. Er spricht mit Psychologen und Drogenberatern über die Dämonen, die ihn heimsuchen. Er nimmt Medikamente, die seine Depressionen lindern und ihm helfen zu funktionieren. Er fegt seine Konkurrenten vom Tisch und wird Weltmeister. Dann entwickelt er plötzlich eine Abscheu vor Snooker, kündigt seinen baldigen Rücktritt an und stürzt erneut ab. Er trinkt 15 Pints Guinness an einem Abend („Das klingt viel“, sagt er, „ist es aber nicht, wenn man high ist“) und alles geht wieder von vorne los.
Rot. Schwarz. In Cardiff spielte Ronnie wie im Rausch. Er lochte die Kugeln mit der Geschwindigkeit, die ihm den Spitznamen „The Rocket“ eingebracht hat, und kontrollierte­
zugleich den weißen Spielball nach Belieben. Als er den 100. Punkt der Aufnahme machte, applaudierten die Zuschauer begeistert. Vermutlich hatte kein Einziger von ihnen jemals ein Maximum Break live gesehen. Der BBC-Reporter sagte ehrfürchtig: „Einfach nur genial.“ Da versenkte Ronnie schon die nächste, vorletzte rote Kugel und ließ den Spielball ganz genau dorthin laufen, wo er ihn haben wollte.
Vor die pinke Kugel. Nicht vor die schwarze.

Für einen Moment wurde es in der Motor­point Arena geradezu gespenstisch still. Dann stöhnten einige der Menschen, die Ronnie gerade noch gefeiert hatten, enttäuscht auf. Jemand rief laut: „Buh!“ O’Sullivan versenkte die pinke Kugel und lochte lächelnd die letzte rote, erst dann wieder Schwarz. Während er den Rest der farbigen Kugeln routiniert in die Taschen spielte, dämmerte dem Publikum langsam, dass er all dies schon geplant hatte, als er die Schiedsrichterin nach der Prämie für ein Maximum Break fragte. Er wollte von Anfang an 146 Punkte machen. Keinen mehr, keinen weniger.
Als man ihn später fragte, warum er auf etwas verzichtet hatte, das er selbst mal als das Allergrößte bezeichnete, sagte O’Sullivan: „Ich fand nicht, dass das Preisgeld angemessen für eine 147 war.“ In den Tagen und Wochen danach prasselte die Kritik nur so auf ihn ein. Selbst sein Förderer und väterlicher Freund, der Promoter Barry Hearn, twitterte: „Wenn ihm 10 000 Pfund nichts bedeuten, tut er mir leid.“ Er setzte hinzu: „Wenn jemand mit Absicht nicht seine beste Leistung abliefert, dann ist das inakzeptabel und dem zahlenden Publikum gegenüber respektlos. Es ist kein Verbrechen, aber eine Schande.“ Im Guardian sprach der Journalist Ewan Murray von „ei­-
nem Akt der Arroganz“ und schlug O’Sullivan vor, jetzt endlich mit seinen dauernden Rücktrittsankündigungen Ernst zu machen. Außerdem warf er den Verantwortlichen vor, Ronnies untolerierbares Verhalten zu tolerieren, weil der Snooker-Sport Angst davor habe, seine größte Attraktion zu verlieren.
Da ist was Wahres dran. Viele Leute hatten gehofft, dass O’Sullivan mit zunehmendem Alter sein Leben oder doch zumindest seine Stimmungen in den Griff bekommen würde. Aber nicht einmal die Tatsache, dass sein Vater 2010 auf Bewährung entlassen wurde, konnte seine emotionalen Achterbahnfahrten verlangsamen. Zuerst ließ sich die Mutter seiner Kinder von ihm scheiden (Ronnie hatte sie bei den Anonymen Drogenabhängigen kennengelernt), dann holte er trotz aller privaten Turbulenzen zwei WM-Titel in Folge, bevor seine chronische Schlaflosigkeit so schlimm wurde, dass er sich für acht Monate ganz vom Snooker zurückzog. Die Welsh Open im Februar in Cardiff waren erst sein zweites Turnier nach dieser langen Pause.

Schwierige, gerne von Tragik umflorte Genies, vor allem solche mit einer narzisstischen Störung, üben eine große Anziehungskraft auf die Menschen aus. Das erklärt, warum es viele Leute gibt, die keine ausgemachten Snooker-Fans sind, aber trotzdem vor dem Fernseher hängen, sobald O’Sullivan spielt. Doch vielleicht hat er den Bogen nun wirklich überspannt. Vielleicht wirken seine Kapriolen auf das Publikum nicht mehr faszinierend, sondern ermüdend. Vielleicht neigt sich eine der außergewöhnlichsten Sportlerkarrieren unserer Zeit tatsächlich langsam ihrem Ende zu.
Ronnie O’Sullivans erster Roman – „Framed“ – erscheint Mitte November in England. Man kann nicht gerade sagen, dass er ein Happy End hat. Die beiden letzten Sätze sind: „Was he never going to learn? He stood there in the middle of his street, of his city, alone.“