Tischtennisprofi Timo Boll für no sports, fotografiert in Düsseldorf am 16.03.2017

„Im Alter hört das Zittern auf“

Mit 36 Jahren hat Timo Boll den Anschluss zur Tischtennis-Weltspitze ein wenig verloren. Bei der Weltmeisterschaft in Düsseldorf will er es nun noch einmal wissen. Das große Interview mit dem Tischtennis-Superstar

Interview: Tim Jürgens                 Foto: Hannes Ross

 

Timo Boll, der chinesische Weltklassespieler Zhang Jike sagt: „Die Tischtennisplatte ist ein Kampfort.“ Wie sehen Sie das? So martialisch würde ich es nicht ausdrücken, aber natürlich ist der Tisch ein Ort, an dem ich alles, jede Sorge um mich herum vergesse, vollständig abtauche und mich nur auf Gegner und Spiel konzentrieren kann.

Sie spielen seit 21 Jahren in der Bundesliga. Fällt es Ihnen mit zunehmendem Alter schwerer, sich zu konzentrieren? Um es auf diesem Niveau hinzubekommen, muss ich es ständig trainieren. Eigentlich darf ich mir keine Schwäche leisten, nicht einmal zehn schwache Bälle in einer Trainingseinheit, sonst besteht die Gefahr, dass ich aus dem Rhythmus komme. Wissen Sie, Tischtennis spielen – Vorhand, Rückhand, Topspin –, das kann auch die Nummer 400 der Weltrangliste nahezu perfekt. Aber über ein komplettes Spiel mit ungeminderter Konzentration jeden Ball zu fokussieren und einzuschätzen, bekommen nur wenige hin.

Ein 16-Jähriger hat schnellere Reflexe als ein 36-Jähriger. Merken Sie, wie das Alter an Ihnen nagt? Was die Elastizität und die Explosivität anbetrifft, erkenne ich schon, dass ich keine zwanzig mehr bin.

Sind Sie nach Wettkämpfen erschöpfter als früher? Dieses extreme Konzentrationslevel kann man im Training nicht simulieren. Egal wie hart ich trainiere, ich kriege keinen Muskelkater. Aber nach Spielen habe ich immer einen. Das beweist, dass die Verkrampfung mit den Jahren wächst. Gerade deshalb versuche ich, dieses Handicap mit meinem erfahrenen Auge wettzumachen.

Und wie geht das? Indem ich taktisch so spiele, dass ich nicht mehr in jedem Match die extremen Wege gehen muss. Bis zu einem bestimmten Level geht das. Aber um einen Spieler aus der Top 10 zu schlagen, muss jeder an die Grenzen gehen.

Inwieweit hat sich Tischtennis in den letzten zwanzig Jahren verändert? Das Tempo hat enorm zugelegt. Früher konnte ich auch mal einen längeren Ballwechsel spielen und etwas weiter hinten stehen. Inzwischen spielen alle Top-Leute wahnsinnig aggressiv und nur noch vorne an der Platte. Um diesem Druck standzuhalten, muss ein Spieler extreme Bewegungen machen. Der Körper muss vor Spannung fast explodieren, um Anspiele entsprechend zu retournieren.

Dabei waren Sie es doch, der nach der Jahrtausendwende mit frühen Attacken am Tisch viele Weltklassespieler das Fürchten lehrte. Es kommt mir bis heute zugute, dass ich damals der Zeit voraus war. Aber das kostet natürlich Körner.

Sie meinen, es ist sehr strapaziös. Wenn man ständig so explosiv spielt und selten ausschwingt, ist es für die Gelenke belastend.

Sie hatten in Ihrer langen Laufbahn immer wieder Rückenprobleme, mussten Turniere absagen wegen ­Knie-, Gelenk- und Sehnenschmerzen. Fast jeder Spieler, der auf höchstem Niveau spielt, hat ab und zu mit Verletzungen zu kämpfen. Die explosive Spielweise fordert eben ihren Tribut. Auch ich habe ab und an meine Zipperlein, aber ich habe nicht den Eindruck, gar nicht mehr in die Pötte zu kommen.

Keine Angst vor Spätschäden? Nein, ich gehöre sicher zu den deutschen Sportlern, die am häufigsten von Ärzten gecheckt werden. Es ist wie bei einem Auto: Ich habe in meinem Sportlerleben schon eine hohe Laufleistung gehabt – wenn ich weiterspielen will, muss ich die Kilometerzahl drosseln. Deswegen spiele ich erheblich weniger Turniere, wodurch ich auch in der Weltrangliste ein wenig abgesackt bin.

Wie viele Wettkampftage haben Sie jährlich? Früher hatte ich 120 Wettkämpfe plus Reisetage, heute rund 30 Prozent weniger.

Ende Mai treten Sie bei der WM in Düsseldorf an. Es heißt, ein Spieler müsse sich ständig häuten, um den Gegner zu überraschen. Wie arbeiten Sie noch an Ihrem Stil? Nach so langer Zeit ist das natürlich schwer. Sie müssen sich vorstellen: Die Chinesen dokumentieren alles. Vor der WM 2011 haben sie ein 150-seitiges Dossier über mich erstellt, in dem jeder Aufschlag, jede denkbare Spielsituation, in der ich mich je befunden habe, aufgezeichnet war. Die arbeiten so akribisch, die wissen vielleicht schon bevor ich mich für etwas entscheide, was ich tun werde. Auch deshalb ist es so wichtig, voll konzentriert in den Wettkampf zu gehen.

Bei den Olympischen Spielen 2016 schieden Sie im Einzel vorzeitig aus. Fehlte Ihnen bei wichtigen Turnieren manchmal die Konzentration? Durchaus möglich, dass ich etwas verkrampft ins Turnier gegangen bin.

Warum?
Weil Olympia immer etwas Besonderes ist, man hat nur alle vier Jahre die Chance, dort etwas zu reißen. Dann war ich Fahnenträger, eine unfassbare Ehre, die aber schon etwas Substanz kostet. Hinzu kam, dass die Spiele so spät in der Saison stattfanden, dass mir der Spielrhythmus fehlte. Diese Kombi war tödlich.

Kann das auch jetzt bei der WM ein Problem werden?
Es hilft mir jedenfalls sehr, wenn wir mit Borussia Düsseldorf das Champions-League-Finale erreichen, da ich sonst vor der WM wochenlang keinen Wettkampf hätte.

Glauben Sie, die Heim-WM kann den Stellenwert des deutschen Tischtennis erhöhen? Ich bin enttäuscht von den Fernsehzeiten. 2012 haben wir bei der WM in Dortmund vor 11 000 Zuschauern in der Westfalenhalle im Finale gegen China gespielt – auch von diesen Spielen wurde nichts übertragen. Ich verstehe, dass Sender Probleme haben, wenn sie nicht wissen, ob ein Match eine Stunde oder drei Stunden lang dauert. Aber mehr als ein Endspiel gegen China mit der Mannschaft geht sportlich nicht. So wird es auch diesmal laufen. Und wenn wir im Fernsehen nicht stattfinden, kriegen es auch entsprechend wenig Leute mit.

Die Biathlon-WM hat Millionen Deutsche vor dem TV versammelt. Tja, wir haben im Gegensatz zum Wintersport den Nachteil, in einer Jahreszeit stattzufinden, wo viele andere Sportarten ihren Saisonhöhepunkt haben. Aber vielleicht schauen sich die Leute auch lieber einen verschneiten Wintersportort an als eine miefige Sporthalle.

Obwohl Sie mehrfach Weltranglistenerster waren, fehlt Ihnen bis heute der WM-Titel im Einzel. Mein Ego braucht es nicht, Weltmeister oder Olympiasieger zu werden. Ganz ehrlich, ich habe von mir selbst nie so viel erwartet, wie ich in meiner Laufbahn schon erreicht habe.

Ihre Mutter sagt, schon als Vierjähriger konnten Sie beim „Mensch ärgere Dich nicht“ nicht verlieren. Wenn ich am Tisch stehe, bin ich ehrgeizig, das ist doch klar. Sonst müsste ich es ja nicht machen. Aber vor und nach dem Spiel bin ich eher der demütige Typ, der ein Match analysiert und anerkennen kann, wenn ein Gegner besser war.

Wie groß sind Ihre Chancen in Düsseldorf als derzeitiger Weltranglistenzwölfter? Wenn alles perfekt läuft, könnte ich das Halbfinale erreichen. Denn bei einem Spieler wie Ma Long …

… dem amtierenden Weltmeister … kann ich in Bezug auf meine Beweglichkeit nicht mehr mithalten. Zumindest wenn er auf Normallevel spielt.
Da hilft auch der Heimvorteil nichts. Eine große Menschenmasse kann für die Konzentration gefährlich sein. Im Spiel kann mich die Begeisterung schon beflügeln. Aber ich habe Probleme, wenn ich ins kalte Wasser geworfen werde. Deswegen gehe ich vor einem Match stets in die Halle mit den Zuschauern, schaue beim vorherigen Spiel zu und versuche mich zu akklimatisieren.

Und wenn das nicht gelingt? Dann ist die Gänsehaut beim In-die-Halle-Kommen womöglich so extrem, dass ich im Spiel überdrehe, weil mich die Kulisse so flasht. Es gibt ja Sportler, die brauchen das. Für mich wäre dieses Hochpushen aber die falsche Mischung, weil ich sonst im Spiel viel zu aggressiv zu Werke gehen würde.

Haben Sie während eines Wettkampfs mal mentale Einbrüche erlebt? Mit dem Älterwerden hat das abgenommen. Bis Mitte zwanzig kam es bei großen Spielen öfter vor, dass beim Aufschlag meine Hand zu zittern anfing, insbesondere wenn ich in Führung lag.

Was ist ein perfektes Match für Sie? Wenn ich voll und ganz in den Gegner eintauchen kann und ihn entschlüssele, sodass ich jeden Aufschlag, jeden Return vorausahnen kann.

Wie kriegt man das hin? Indem man gedanklich jeden Ballwechsel auswertet und natürlich eine Vorstellung hat, was der Gegner für ein Typ ist. Wie groß ist seine Risikobereitschaft? Was sagt seine Körpersprache? Man braucht ein gutes Gefühl für die Spielsituation.

Sind Chinesen schwerer zu entschlüsseln als Europäer? Die sind genauso unterschiedlich wie wir. Früher gab es ein paar Kandidaten, diese gedrillten Trainingsmaschinen, die waren leichter zu durchblicken. Denen merkte man an, wenn sie am Tisch zerbrachen. Aber inzwischen sind die Top-Leute mental alle extrem stabil.

Wie ist es, wenn Sie ein Gegner bricht? Ich erinnere mich an ein Spiel beim Weltcup 2007 gegen Ma Lin, in dem ich regelrecht Angst bekam, keinen einzigen Punkt zu holen. Da lag ich 0:10 hinten, er versuchte mir einen Punkt zu schenken, aber sogar der Ball streifte die Kante.

Sitzen Sie nach solchen Matches in der Kabine und heulen? Im Gegenteil. Das Spiel war so lächerlich gut von ihm, dass ich bei einigen Bällen fast geschmunzelt hätte.

In China sind Sie seit Jahren ein Superstar, können keinen Schritt unbehelligt vor die Tür gehen. Schmerzt es Sie, dass es Tischtennis hierzulande an Aufmerksamkeit mangelt? Natürlich wäre es schön, wenn unsere Sportart einen höheren Stellenwert bekäme, aber für mich persönlich ist das nicht entscheidend. Ich habe das Glück, seit Jahren von meinem Sport gut leben zu können, in China sehr populär zu sein und Deutschland als Rückzugsort zu haben. Denn ich bin kein Typ, der gern im Mittelpunkt steht.

In Ihrer Anfangszeit galten Sie im Tischtennis-Mutterland gewissermaßen als Staatsfeind Nr. 1, weil Sie als Europäer in die Phalanx chinesischer Top-Spieler einbrechen konnten. Damals hing mein Foto teilweise in Übergröße in den Trainingshallen, damit die Spieler wussten: „Seht ihn euch an, das ist euer Gegner!“ Inzwischen bin ich in China aber so bekannt und beliebt, dass ich selbst bei Spielen gegen Chinesen vom dortigen Publikum angefeuert werde.

Sie spielen nicht nur Bundesliga, sondern auch in der chinesischen Super League. Wie viel Zeit verbringen Sie aktuell in China? Im Sommer etwa zweieinhalb Monate am Stück, dazu kommen übers Jahr noch zwei, drei kürzere Aufenthalte.

Sie sind dort einigermaßen kaserniert. Wir Profis leben da ziemlich ab vom Schuss in einem Trainingszentrum und werden von Soldaten abgeschirmt, anders ginge es gar nicht. Wenn meine Familie einkaufen gehen will, muss ich mich verkleiden, wenn ich mitwill. Das ist schon anstrengend.

Timo Boll, haben Sie in einem Match je das absolute Glück empfunden? Im Achtelfinale bei der WM 2005 spielte ich in Shanghai gegen Liu Guo­zheng. Alle anderen Spiele waren bereits zu Ende, und wir fighteten um den Sieg. 15 000 Menschen in der Halle fieberten mit. Damals war auch die Frontstellung zwischen den Chinesen und dem Rest der Welt noch ausgeprägter. Die europäischen Spieler saßen am Rand der Box und feuerten mich an, der Rest der Halle war gegen mich. Eine gigantische Stimmung.

Aber am Ende verloren Sie das Spiel mit 3:4-Sätzen. Ja, aber es war dennoch ein magischer Moment.

Klingt nicht danach, als beabsichtigten Sie, in Kürze Ihre Profilaufbahn zu beenden. Düsseldorf ist mit Sicherheit meine letzte WM im eigenen Land. Aber mein Karriereende mache ich nicht an einem konkreten Datum fest.

Warum nicht? Weil ich so lange spielen will, wie ich es mir zutraue. Momentan fühle ich mich noch fit genug, in jedem Training in die Konzentration zu kommen. Seit der Kindheit bin ich es gewohnt, diese Disziplin aufzubringen. Wenn es mir mal nicht gelingt, auf Betriebstemperatur zu kommen, habe ich gleich ein schlechtes Gewissen. Solange ich diese Motivation noch verspüre, mache ich weiter.

Das komplette Interview mit Timo Boll und vieles mehr lest Ihr in der neuen Ausgabe von NoSports.